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Richard Cobb: Tod in Paris : Vom Leben und Sterben der kleinen Toten

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Bild: Verlag

Spurensuche in den Akten der Morgue an der Seine: Ein so ungewöhnlicher Historiker wie Richard Cobb gewinnt daraus ein Bild des alltäglichen Lebens in Paris am Ende des achtzehnten Jahrhunderts.

          Historiker, die uns die großen Linien aufzeigen oder gar erklären wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält, hätten sich um den Aktenbehälter D4 U1 7 in den „Archives de la Seine“ vermutlich nicht weiter gekümmert. Er enthält schließlich nur die Untersuchungsberichte des Leichenschauhauses der Seine über nichtnatürliche Todesfälle in den Revolutionsjahren III bis IX, also von 1795 bis 1801. Unter den Toten, insgesamt 404, findet sich naturgemäß kein Robespierre, kein Danton und kein Saint-Just, sondern zum Beispiel „Marie-Geneviève Sudeur, Ehefrau von Philipp Hudde, Wäscherin, geboren in Alfort-Charenton, 47 Jahre alt, Rue de Sèvres, (Division de l'Ouest), vermisst seit dem 19. Germinal, am 21. in Neuilly aus dem Wasser geborgen ...“.

          Großartige Essays

          Nun war dieser Karton aber dem englischen Historiker Richard Cobb in die Hände gefallen - oder besser: Er hat ihn aufgespürt. Denn der frankophile Cobb war dafür bekannt, dass er in irgendeinem Aktenmagazin der Provinz auch schon mal versehentlich eingeschlossen wurde. Bevor er 1972 den Lehrstuhl für Neuere Geschichte in Oxford erhielt, hatte er in französischen Archiven vor allem nach aussagekräftigen Details gegraben - und für Cobb war beinahe jedes Detail aussagekräftig. Er war davon überzeugt, dass der Historiker „über normale Menschen und normale Milieus“ schreiben solle, wie es in einem Nachruf auf den 1996 Gestorbenen hieß, und er „verachtete die Autorität und Menschen, die, wo auch immer, nach Macht strebten“.

          Kurz, man könnte Cobb beinahe einen Vertreter dessen nennen, was modisch eine Zeitlang „Geschichte von unten“ hieß, wenn das nicht viel zu kurz greifen würde. Denn dieser Historiker wusste vor allem, dass seine Zunft durchaus etwas mit der des Erzählers zu tun hat, und es verwundert nicht, dass er sowohl großartige Essays zur französischen Literatur als auch Kurzgeschichten geschrieben hat, sowohl in englischer wie in französischer Sprache.

          Stellenloser Aktenschnüffler

          In seinem kenntnisreichen Vorwort weist Patrick Bahners zu Recht darauf hin, dass wir in Cobb einen Zeitgenossen Foucaults erkennen müssen: das Gespür für die verborgenen Strukturen der Macht, die Hinwendung zu den Namenlosen, die durch ihn ihre Geschichte bekommen, die Bedeutung des Archivs insgesamt, die Vertiefung ins Detail. In der Tat fühlt man sich bei der Lektüre dieses Buches sofort an Untersuchungen wie „Wahnsinn und Gesellschaft“ oder „Überwachen und Strafen“ erinnert, mit dem Unterschied, dass Cobbs Sprache nicht so kalt durchdringen und so kristallklar leuchten möchte wie die Foucaults, sondern vor allem von Empathie getragen wird, ohne dabei jemals rührselig zu werden.

          Und natürlich war Cobbs Weg zum Lehrstuhl auch ein ganz anderer als die Ochsentour von Michel Foucault, wie sie für die französische akademische Elite bis heute typisch ist. In seiner Zeit „als stellenloser Aktenschnüffler“ (Bahners) lebte Cobb von der Unterstützung durch französische Kommunisten, vom Sprachunterricht für Stewardessen der Air France und zuweilen auch von der Unterstützung seiner durchaus begüterten Eltern in Tunbridge Wells.

          Suizid in der Öffentlichkeit

          Sein Hauptaugenmerk im vorliegenden Fall gilt den Selbstmördern und Selbstmörderinnen, die mehrheitlich in die Seine gegangen sind, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Natürlich sind auch einige unter den 404 Toten, die dazu eine Schusswaffe benutzt haben - allerdings keine einzige Frau -, doch das Sich-Ertränken ist bei den von Cobb untersuchten Fällen die mit Abstand häufigste Form des Suizids. 249 der 274 Selbstmörder - in den anderen Fällen handelte es sich um Unfälle oder Morde - warfen sich in die Seine.

          Ins Wasser gehen, das heißt immer, sich einer stärkeren Macht ergeben, weil man nicht mehr kämpfen kann - man denkt hier unwillkürlich an den Abschiedsbrief von Virginia Woolf -, aber zuweilen wird es wohl auch von der Hoffnung begleitet, im letzten Moment gerettet zu werden. Denn im fraglichen Zeitraum und in dem Milieu, aus dem Cobbs Fälle mehrheitlich stammen, fand der Suizid immer ein wenig in der Öffentlichkeit statt. Allein schon deshalb, weil die Seine ein öffentlicher Ort ist, der, wie Cobb in „Paris and its Provinces 1792-1802“ schrieb, die Stadt nicht allein in zwei Hälften, sondern auch in zwei Mentalitäten teilte und für das Leben der Stadt konstitutiv war (und ist). An ihren Ufern promenierte man in der knapp bemessenen freien Zeit auch damals schon.

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