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Über Charles Taylor : Im Grunde leuchtet die Welt

Bild: Verlag

Zwei Bücher kreisen um zentrale Motive im Gesamtwerk von Charles Taylor, einem der einflussreichsten Sozialphilosophen der Gegenwart.

          Was kann Charles Taylor nach seinem großen Alterswerk „Ein säkulares Zeitalter“ (F.A.Z. vom 14. Oktober 2009) noch mehr über die Spannung zwischen religiöser Tradition und ihrer Reform sagen? In dem monumentalen Werk erzählt Taylor die Geschichte der Säkularisierung vom Ende des Mittelalters bis heute. Der Philosophie-Professor an der McGill University in Montreal hatte für dieses Buch den Templetonpreis erhalten, kurz darauf war er für sein Lebenswerk mit dem Kyoto-Preis, dem Nobelpreis für Philosophen, ausgezeichnet worden.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun legt er zusammen mit Jocelyn Maclure eine konzentrierte Studie zu der gesellschaftlich virulenten Frage vor, wie sich das Recht auf Religions- und Gewissensfreiheit „allgemeinverträglich“ ausüben lässt, das heißt im Wesentlichen: auf verfassungskonforme Weise. Die Studie ist Teil eines Kommissionsberichts, den Taylor und Maclure im Auftrag der kanadischen Regierung verfassten. Kern des Berichts ist die Neubestimmung der Laizität als des Rahmens, innerhalb dessen sich demokratische Staaten der Vielfalt religiöser Überzeugungen stellen.

          Welchen Platz soll die Religion haben?

          Mit Kopftuch-, Moscheen- und Karikaturenstreit im Hintergrund mahnen die Autoren, die Religion aus der öffentlichen Sphäre nicht etwa auszugrenzen: „Tatsächlich scheint es keinerlei prinzipielle Gründe dafür zu geben, die Religion auszusondern und sie in eine von anderen Weltbildern und Auffassungen des Guten abgetrennte Kategorie zu stecken. Der Staat muss alle fundamentalen Überzeugungen und Verpflichtungen mit gleicher Achtung behandeln, die mit den Anforderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens vereinbar sind.“

          Auf der Agenda dieses Bandes stehen hochpolitische Fragen: Wo liegen die Grenzen der Religionsfreiheit? Was soll den Kindern in der Schule beigebracht werden, und wo liegen die Grenzen der elterlichen Autonomie? Wie ist der Rang religiöser Überzeugungen in öffentlichen Debatten zu bestimmen? Welchen Platz sollen religiöse Symbole und Rituale der Mehrheit im öffentlichen Raum einnehmen? Soll die Meinungsfreiheit eingeschränkt werden, wenn es um die Darstellung religiöser Traditionen geht?

          Das X ist nicht immer erstrebenswert

          Zu der letzteren Frage meinen die Autoren: „Wir sind nicht dieser Auffassung. Außer in krassen Fällen von Diffamierung oder Aufstachelung zum Hass ist es dem Staat nicht erlaubt, die Meinungsfreiheit einiger Bürger unter dem Vorwand einzuschränken, dass Ideen oder Darstellungen das profanieren, was für andere Bürger zum Heiligen gehört.“ Der pluralistische Staat könne weder eine allgemeine Ontologie übernehmen, der zufolge das Universum gemäß der Unterscheidung von Heiligem und Profanem zu verstehen ist, noch dürfe er sich einer bestimmten Vorstellung des Heiligen verschreiben.

          Aus Sicht der politischen Philosophie stehen Versuche, „die Meinungsfreiheit unter Verweis auf den als diffamierend oder blasphemisch wahrgenommenen Charakter bestimmter Ideen oder Kunstwerke zu beschränken“, auf äußerst schwachen Füßen. Andererseits bedeute der Umstand, dass man das Recht hat, x zu tun, nicht in jedem Fall, dass es auch klug oder erstrebenswert ist, x zu tun.

          Die Frage nach dem roten Faden

          Was hier teilweise im Verlautbarungsstil daherkommt, steht in einem voraussetzungsreichen Geflecht von politischer Philosophie und anthropologischen Grundannahmen Taylors, wie er sie in seinen der Modernekritik gewidmeten Hauptwerken hergeleitet und dargestellt hat: von den „Quellen des Selbst“, einer ebenso gelehrten wie narrativ-verständlichen Rekonstruktion des neuzeitlichen Selbstverständnisses, über den Band „Negative Freiheit?“ bis hin zum erwähnten Buch „Ein säkulares Zeitalter“, das mit reichhaltigem kulturgeschichtlichem Material eine Vielzahl religiöser Erfahrungsformen verarbeitet und Wert darauf legt, den historischen Vorgang der Säkularisierung weder als Fortschritts- noch als Verfallsgeschichte zu erzählen.

          Gibt es so etwas wie einen archimedischen Punkt im Gesamtwerk Taylors? Einen roten Faden, der sich durch die epistemologischen, sprachtheoretischen und kulturanalytischen Überlegungen Taylors zieht? Hartmut Rosa stellt diese Frage in einem sehr informativen und lesenswerten Sammelband, der unter der Herausgeberschaft von Michael Kühnlein und Matthias Lutz-Bachmann das OEuvre Taylors interdisziplinär beleuchtet - einschließlich einer Replik auf einige Beiträge aus der Feder von Taylor selbst.

          Die soziale Welt ist ein vibrierendes Netzwerk

          Hartmut Rosa bejaht in dem Band die Frage nach der Existenz eines archimedischen Punkts in Taylors Texten und erklärt: „Ich möchte behaupten, dass Taylors Werk motiviert ist von der Furcht vor oder vom Kampf gegen eine Welterfahrung, Welthaltung und Weltbeziehung, in der sich das handelnde Subjekt als abgetrennt und isoliert von einer Welt erfährt, die ihm als indifferent, stumm oder feindlich gegenübertritt und zu der er nur instrumentell oder kausal in Beziehung steht, und dass er dieser Welterfahrung das Modell einer Resonanzbeziehung entgegenzusetzen versucht, dem zufolge sich das Subjekt gleichsam in einem organischen Austauschprozess befindlich erfährt, in dem Selbst und Welt wechselseitig konstitutiv und responsiv werden, dem zufolge das Selbst also gleichsam einen konstitutiven Widerhall in seinen Weltbeziehungen findet.“

          Tatsächlich zielt Taylor auch in seinen dezidiert politischen Schriften, in denen er auf sehr eigene Weise Grundpositionen des Kommunitarismus entwickelt, immer wieder darauf ab, die soziale Welt nicht als eine Welt isolierter Entitäten, sondern als ein geradezu energetisch aufgeladenes, vibrierendes Netzwerk zu begreifen, dem das Subjekt nicht einfach gegenübersteht, sondern in das es - auf der Suche nach Resonanz - gleichsam responsiv eingebettet ist. „In diesem Porträt erkenne ich mich durchaus wieder“, schreibt Taylor zu Rosas Darstellung. Deutlich wird, wie fruchtbar hier die aus der phänomenologischen Denktradition - etwa von Heidegger oder Merleau-Ponty, der Taylor in seiner Oxforder Promotionszeit prägte - entnommene Frage nach den Formen des In-die-Welt-gestellt-Seins wird.

          Romantiker mit Welterfahrung

          Taylor, ein Schüler Isaiah Berlins, lässt keinen Zweifel daran, dass die Art der Weltbeziehung historisch und kulturell variabel ist, dass „wir“ moderne Menschen auf eine andere Weise in der Welt und der Welt gegenüber stehen als Menschen mit einer mittelalterlichen, altgriechischen oder indigenen Welterfahrung. Völlig zu Recht merke Taylor an, dass es in seinen frühen Auseinandersetzungen mit Behaviouristen, Naturalisten oder Szientisten auf der einen und Hermeneutikern auf der anderen Seite im Grunde nicht um Epistemologie, sondern um Kosmologie gegangen sei - „um die Konzeption der Beziehung des Menschen zur Welt als Ganzem, und folglich also um die Frage, was es heißt, ein handelnder Mensch zu sein“.

          Im Grunde läuft Rosas Porträt dieses bedeutenden Philosophen auf die Unausweichlichkeit hinaus, in Taylor einen Dialektiker von Entzauberung und Wiederverzauberung zu sehen, mit anderen Worten: einen Romantiker mit einer Sorte Welterfahrung, die etwa im magischen Idealismus des Novalis oder in Eichendorffs „Wünschelrute“ ihren prägnanten Ausdruck findet. Welch tröstliche Form, nicht den Verstand zu verlieren. 

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