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Über Charles Taylor : Im Grunde leuchtet die Welt

Gibt es so etwas wie einen archimedischen Punkt im Gesamtwerk Taylors? Einen roten Faden, der sich durch die epistemologischen, sprachtheoretischen und kulturanalytischen Überlegungen Taylors zieht? Hartmut Rosa stellt diese Frage in einem sehr informativen und lesenswerten Sammelband, der unter der Herausgeberschaft von Michael Kühnlein und Matthias Lutz-Bachmann das OEuvre Taylors interdisziplinär beleuchtet - einschließlich einer Replik auf einige Beiträge aus der Feder von Taylor selbst.

Die soziale Welt ist ein vibrierendes Netzwerk

Hartmut Rosa bejaht in dem Band die Frage nach der Existenz eines archimedischen Punkts in Taylors Texten und erklärt: „Ich möchte behaupten, dass Taylors Werk motiviert ist von der Furcht vor oder vom Kampf gegen eine Welterfahrung, Welthaltung und Weltbeziehung, in der sich das handelnde Subjekt als abgetrennt und isoliert von einer Welt erfährt, die ihm als indifferent, stumm oder feindlich gegenübertritt und zu der er nur instrumentell oder kausal in Beziehung steht, und dass er dieser Welterfahrung das Modell einer Resonanzbeziehung entgegenzusetzen versucht, dem zufolge sich das Subjekt gleichsam in einem organischen Austauschprozess befindlich erfährt, in dem Selbst und Welt wechselseitig konstitutiv und responsiv werden, dem zufolge das Selbst also gleichsam einen konstitutiven Widerhall in seinen Weltbeziehungen findet.“

Tatsächlich zielt Taylor auch in seinen dezidiert politischen Schriften, in denen er auf sehr eigene Weise Grundpositionen des Kommunitarismus entwickelt, immer wieder darauf ab, die soziale Welt nicht als eine Welt isolierter Entitäten, sondern als ein geradezu energetisch aufgeladenes, vibrierendes Netzwerk zu begreifen, dem das Subjekt nicht einfach gegenübersteht, sondern in das es - auf der Suche nach Resonanz - gleichsam responsiv eingebettet ist. „In diesem Porträt erkenne ich mich durchaus wieder“, schreibt Taylor zu Rosas Darstellung. Deutlich wird, wie fruchtbar hier die aus der phänomenologischen Denktradition - etwa von Heidegger oder Merleau-Ponty, der Taylor in seiner Oxforder Promotionszeit prägte - entnommene Frage nach den Formen des In-die-Welt-gestellt-Seins wird.

Romantiker mit Welterfahrung

Taylor, ein Schüler Isaiah Berlins, lässt keinen Zweifel daran, dass die Art der Weltbeziehung historisch und kulturell variabel ist, dass „wir“ moderne Menschen auf eine andere Weise in der Welt und der Welt gegenüber stehen als Menschen mit einer mittelalterlichen, altgriechischen oder indigenen Welterfahrung. Völlig zu Recht merke Taylor an, dass es in seinen frühen Auseinandersetzungen mit Behaviouristen, Naturalisten oder Szientisten auf der einen und Hermeneutikern auf der anderen Seite im Grunde nicht um Epistemologie, sondern um Kosmologie gegangen sei - „um die Konzeption der Beziehung des Menschen zur Welt als Ganzem, und folglich also um die Frage, was es heißt, ein handelnder Mensch zu sein“.

Im Grunde läuft Rosas Porträt dieses bedeutenden Philosophen auf die Unausweichlichkeit hinaus, in Taylor einen Dialektiker von Entzauberung und Wiederverzauberung zu sehen, mit anderen Worten: einen Romantiker mit einer Sorte Welterfahrung, die etwa im magischen Idealismus des Novalis oder in Eichendorffs „Wünschelrute“ ihren prägnanten Ausdruck findet. Welch tröstliche Form, nicht den Verstand zu verlieren. 

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