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Neues Buch von Udo Di Fabio : Die Monarchie war kein Schönheitsfehler

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Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio hat ein Buch über die Weimarer Verfassung geschrieben. Bild: EPA

Ein Jurist als Historiker: Udo Di Fabio widmet sich Aufstieg und Niedergang der Weimarer Verfassung. Entstanden ist ein Buch zum Jubiläum, dessen Thesen ihre beste Zeit hinter sich haben.

          Je verwundbarer die Ordnung des Grundgesetzes wirkt, desto mehr Faszination übt die Weimarer Republik als ein Gespenst aus, das uns immer ähnlicher zu werden droht. Was man von diesem Grusel lernen kann, ist nicht klar: eine gewisse Demut gegenüber dem Unvollkommenen der Politik und den Nöten der Alten vielleicht, kaum Konkreteres, das uns für die Gegenwart weiterhelfen könnte.

          Vor diesem Dilemma steht auch der Buchmarkt, der diese Faszination bedienen will, indem er sich der nun schnell abfolgenden Weimar-Jubiläen annimmt. Dafür ist das vorliegende Buch des ehemaligen Bundesverfassungsrichters und Bonner Staatsrechtlers Udo Di Fabio ein bemerkenswertes Beispiel.

          Vom Verlag als Marke eingeführt („Der neue Di Fabio“) und offensiv mit einer Buchvorstellung mit Christian Lindner in Berlin vermarktet („Erleben Sie zwei außergewöhnliche Menschen im Dialog“), war der Autor doch eigenwillig genug, ein fußnotenreiches Werk mit wissenschaftlichem Anspruch zu verfassen. In einer solchen Konstellation nicht völlig überraschend bleiben die Adressaten des Unternehmens aber ungewiss.

          Kurzatmig und eigenwillig

          Wer sich mit der Geschichte der Weimarer Republik auskennt, wird nicht zum ersten historischen Werk eines Verfassungsrechtlers greifen, das weitgehend aus Sekundärquellen gearbeitet ist. Wer sich neu informieren will, wird es mit dem vorliegenden Buch aber schwer haben, weil bloße Anspielungen auf „Kelsen“ oder den „Panthersprung nach Agadir“ ohne weitere Erläuterung nicht recht verständlich sind. Diese Ambivalenz muss auch den Verfasser selbst beschäftigt haben. So gibt er schon auf die Frage, was genau Gegenstand des Buches ist, keine klare Antwort. Untertitel und Selbstbeschreibung folgend handelt es sich um eine „verfassungshistorische Analyse“.

          Udo di Fabio: „Die Weimarer Verfassung. Aufbruch und Scheitern“. 299 Seiten mit 9 Abbildungen. Hardcover (in Leinen). CH Beck Verlag, 19,95 Euro.

          In der Sache liegt eine Art verdichteter Gesamtdarstellung vor, in der die Epoche der Weimarer Republik zugleich systematisch sortiert und chronologisch berichtet wird. Ein Schwerpunkt liegt auf der politischen Geschichte, namentlich auf Vorgeschichte und Gründung sowie dem Erlöschen der Republik seit Brünings Amtsantritt als Reichskanzler. Dazwischen finden sich Darstellungen und Reflexionen zur Wirtschaftsgeschichte, zu Kunst und Kultur, zur Außenpolitik, zur politischen Ideengeschichte, immer wieder theoretische Einsprengsel und manche Referenz an die aktuelle Politik der Bundesrepublik.

          Bemerkenswert wenig bietet das Buch ausgerechnet zur Weimarer Reichsverfassung selbst. Zwar setzt Di Fabio einige Akzente, die Bedeutung des berüchtigten Notverordnungsrechts des Reichspräsidenten wird plausibel relativiert, dafür der Modus der Präsidentenwahl aufschlussreich problematisiert. Doch wirkt all dies auf den Kenner kurzatmig, auf den Novizen zu eigenwillig. Raum, um etwas Eigenes zu entwickeln, bleibt wenig. Die Rolle des Reichsgerichts als Staatsgerichtshof findet ebenso nur beiläufige Erwähnung wie die von Horst Dreier aufgearbeitete, lange unterschätzte Bedeutung der Grundrechte.

          Übeltäter Hindenburg

          Viele verfassungshistorische Überlegungen bleiben zudem terminologisch unstimmig. So schreibt Di Fabio: „Bereits das Reich von 1867/71 war mit der legislativen Zentralität des frei gewählten Reichstags nach damaligen Maßstäben durchaus eine Demokratie, allerdings eine mit konstitutionellen Schönheitsfehlern. Einer der Schönheitsfehler war die unvollständige Parlamentarisierung Preußens durch die Vorenthaltung der Wahlrechtsgleichheit ...“ Einmal abgesehen davon, dass die Monarchie im Kaiserreich mit der Kategorie Schönheitsfehler wenig hilfreich beschrieben ist, wird im ersten Satz Demokratisierung mit Parlamentsmacht gleichgesetzt, im zweiten Parlamentarisierung mit dem Wahlrecht. Beides ist bestenfalls ungenau.

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