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Christa von Brauns „Blutsbande“ : Wir sitzen alle in der roten Tinte

  • -Aktualisiert am

Abstammungsfrage: Ist Charles (Mitte) ein Windsor oder ein Mountbatten? Szene aus der Serie „The Crown“ mit der lachenden Claire Foy als Elizabeth II. Bild: Netflix

Das Wort „Familienbande“ habe manchmal den Beigeschmack von Wahrheit, bemerkte Karl Kraus: Christina von Braun sondiert Konzepte von Verwandtschaft und umgeht dabei das Recht.

          Ganz eindeutig ist die martialische Rede von „Blut“ und „Blutsbande“ nicht, wenn Christina von Braun ihre großangelegte Studie zur Geschichte des abendländischen Konzepts der Verwandtschaft an diesen Worten festmacht. Tatsächlich stellt die Kulturwissenschaftlerin Blut, Sinnlichkeit, den Leib (und die gesprochene Sprache) auf der einen Seite der Welt der Schriftzeichen, der Namen, des Geldes und des „Geistigen“ auf der anderen Seite gegenüber. Wobei die Schriftzeichen dann ihrerseits in der physischen Wirklichkeit Rückhalt suchen: Sie rufen Bezüge aufs Blut herauf. So seien in der Geschichte des Westens Verwandtschaftslinien stets mit „roter Tinte“ gezeichnet, zwar im Grunde kulturell konstruiert, dennoch aber wesenhaft aufgeladen.

          Blut ist also ein Stoff, der die Idee der unabänderlichen Blutsverwandtschaft zitiert. Dabei wirkt sich der Geschlechterunterschied tiefgreifend aus: Während Mutterschaft über Jahrtausende zweifelsfrei feststeht, denn Geburten haben zumeist Augenzeugen, bleibt Vaterschaft eine abstrakte Beziehung. „Pater semper incertus est“, lautet eine berühmte römische Rechtsformel: Der Vater ist stets ungewiss. Umso mehr beginnt hier nach von Braun das Einsatzgebiet „roter Tinte“.

          Die in Europa entstandenen Verwandtschaftssysteme kultivieren Vaterschaft auf unterschiedliche Weise symbolisch. Dabei werten Ehe, Elternschaft, Erbe die Blutsbande auf: „Sie verleihen der Vaterlinie den Anschein ebenjener nachweisbaren Leiblichkeit, die sie eigentlich entbehrt.“ Die Machtverteilung, die dabei entsteht, begünstigt den Mann. Sie ist durchgehend patriarchal.

          Enorme Detailkenntnis

          Im Buch wird vor diesem Hintergrund über sieben Kapitel hinweg eine Kulturgeschichte zweier für den Westen maßgeblicher, religiös geprägter Verwandtschaftssysteme nachgezeichnet: die „griechisch-römische“ und später christliche Patrilinearität (als über den Vater sich definierende Erblinie) sowie die jüdische Matrilinearität (also Vererbung von Zugehörigkeit und Gütern über die Mutter). Mit enormer Detailkenntnis zeichnet von Braun nach, wie das christliche Verwandtschaftsmodell auch über die Aufklärungszeit hinweg Figuren einer „geistigen“ Zeugung und Vaterschaft variiert. Die Frau wechselt gemäß diesem Schema in die Familie des Mannes, dort bleibt sie die mütterliche Hohlform, in die hinein Nachwuchs gezeugt wird.

          Im jüdischen Verwandtschaftsmodell hingegen vererbt sich Familienmitgliedschaft und Geld über die Mutter. Hier fällt der Frau die Rolle zu, die Familie zusammenzuhalten, weswegen sie im Zweifel in passender Weise „endogam“, das heißt mit Verwandten, verheiratet wird. Dass nicht etwa Frauenmacht, sondern die versprengte Existenz in der Diaspora die jüdische Matrilinearität entstehen ließ, ist eine der nüchternen Thesen der Autorin.

          Christlich wie jüdisch werden aber auch die Linien des Geld- und Güterverkehrs analog zur physischen Verwandtschaft modelliert. Vom Vergleich des unehelichen Kindes mit gefälschtem Geld über den Blut- und Kapitalkreislauf bis hin zur Idee, Geld lasse sich „züchten“, versammelt die Autorin dafür anschaulich Belege.

          Naturalismus unterminiert Vorherrschaft der Väter

          Von Braun thematisiert die „Blutsbande“ aber auch aktualisierend. Denn ein zweiter Fokus des Buches liegt auf der Entstehung und den Folgen von Biologie und moderner Reproduktionsmedizin: Der Naturalismus des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts steigert zwar, er unterminiert aber auch – so von Braun – die Vorherrschaft der Väter. Schuld sei die Wissenschaft, nämlich paradoxerweise eine immer präzisere Biologie. Vaterschaft wie auch epigenetische, also nicht von den elterlichen Genen stammende Prägungen des kindlichen Erbguts seien inzwischen derart sicher feststellbar, dass von der „geistigen“ Linie oder auch „reiner“ Vererbung nicht mehr viel bleibe.

          Biotechniken verwandeln das Vaterbild zur profanen Rolle (im Grenzfall: des bloßen Samenspenders). Überhaupt habe die heutige Reproduktionsmedizin dramatische Folgen für die gelebte Praxis von Verwandtschaft und die Machtverteilung zwischen Männern und Frauen, auch für die Konzepte „Sexualität“ und „Geschlecht“. Von Braun entfaltet das durchaus vergnügt: Die Mutterschaft vervielfältigt sich (Eispenderin, Leihmutter, soziale Mutter und so fort), und mit den inzwischen biotechnisch realisierbaren Varianten von Transgender-Elternschaften brechen Denkmuster einer „natürlichen“ Verwandtschaft – wo man sie nicht fundamentalistisch zur Kampfvokabel erhebt – schlicht weg.

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