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Rezension : Wer kichert da in meiner Liturgie?

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Bevorzugtes Vokabular dieses Buches ist das des Krieges. „Feind“, „Kämpfe“, „Zerstörung“ und „Zusammenbruch“ sind Wörter, die Martin Mosebach liebt. Er ist ein Kreuzritter, der gegen die vermeintlichen Degenerationen, Verflachungen, Verweltlichungen der heutigen katholischen Liturgie zu Felde zieht.

          Bevorzugtes Vokabular dieses Buches ist das des Krieges. „Feind“, „Kämpfe“, „Zerstörung“ und „Zusammenbruch“ sind Wörter, die Martin Mosebach liebt. Er ist ein Kreuzritter, der gegen die vermeintlichen Degenerationen, Verflachungen, Verweltlichungen der heutigen katholischen Liturgie zu Felde zieht. „Wir glauben mit den Knien, oder wir glauben überhaupt nicht“: Mosebachs Formulierungen ähneln im Tonfall gelegentlich militärischen Durchhalteparolen. Der „Häresie der Formlosigkeit“ zeiht er die Kirche; sein gleichnamiges Buch ist erstmals 2002 im Karolinger-Verlag erschienen und nun, um drei Beiträge erweitert, bei Hanser neu aufgelegt worden.

          Was will Mosebach? Glaubt man ihm aufs Wort, dann will er die Wiedereinführung des vorkonziliaren Ritus unter Preisgabe des nachkonziliaren, 1968 von Papst Paul VI. eingeführten. Liest man dieses Buch genau, dann wird klar, dass ebendies Mosebach nicht wollen kann. Warum?Mosebach ist ein äußerst kritischer Beobachter der liturgischen Praxis, wie sie sich in den letzten vierzig Jahren entwickelt hat. Wer diese Praxis regelmäßig aus der Nähe verfolgt, der weiß, dass Mosebach zu Recht die profanen Peinlichkeiten beklagt, die vielerorten Platz gegriffen haben. Aus einer heiligen Handlung ist oftmals eine gruppendynamische, nabelschauhafte Veranstaltung geworden, in der der Ritus durch in Arbeits- und Krabbelgruppen vorbereitete „Einlagen“ gemeindlicher Lobbygruppen zerstückelt und sinnentstellt wird.

          Mosebach meint zutreffend, dass eine Liturgie von der Einheit von Sinn und Form lebt: Wer die Hostie wie eine Backoblate behandelt, glaubt mit Sicherheit nicht mehr an die reale Gegenwart Christi im gewandelten Brot.Freilich müsste man säuberlich zwischen der neuen Messordnung Papst Pauls VI. und den Verflachungen des liturgischen Alltags unterscheiden. Genau dies aber tut Mosebach nicht. Um eine ordentliche Verfallstheorie hinzubekommen, vergleicht er lieber Äpfel mit Birnen, das tridentinische Missale mit der liturgischen Praxis von heute. Er weigert sich sogar ausdrücklich, einen Blick in die neue Messordnung zu werfen - „mit umso besserem Gewissen, als der moderne Klerus sich gleichfalls im überwiegenden Maß nicht an diesen ,Novus ordo' hält“. Auf diesem Kunstgriff - dem Vergleich des nur scheinbar Vergleichbaren - beruht seine gesamte Argumentation: hier die ehrwürdige vorkonziliare Messordnung mit ihrer Fülle sinnfälliger symbolischer Handlungen, dort das bunte gegenwärtige Treiben vor dem kaum noch beachteten Altar. Hier die liturgische Theorie, dort die liturgische Praxis.

          Dass die aus diesem schiefen Vergleich gewonnene These von der Zerstörung der Liturgie durch den „Tyrannen“ Paul VI. brüchig ist, scheint immerhin gelegentlich durch Mosebachs Schilderungen hindurch. Auch die reformierte Liturgie könne man würdig feiern, räumt er ein und gesteht an anderer Stelle, dass er die vorkonziliare Liturgie persönlich keineswegs in guter Erinnerung habe. Sie wird ihm erst dadurch verehrungswürdig, dass er die Erinnerungen an die damalige liturgische Praxis ausblendet und Zuflucht nimmt zu einer idealen Liturgie, die bei der Lektüre alter Messbücher vor seinem inneren Auge entsteht. Dann sieht er eine von allen historischen Verwässerungen, sogar von Predigt, Kirchenlied und Orchestermesse bereinigte Feier, die idealtypisch im Frühmittelalter anzusiedeln wäre, „als die christliche Kultur ihren bisherigen Zenith erreichte“.

          Sakramental gesehen, trifft es zu, dass es auf den Priester am Altar nicht ankommt. Liturgiepraktisch kommt jedoch ein weiterer Gesichtspunkt hinzu: Ob Andacht hergestellt werden kann, ob die Sinnfälligkeit von Symbolen erfahrbar wird, ob die Messe eine fesselnde Dramaturgie besitzt oder auseinanderfällt, das alles hängt vom Priester ab, unabhängig davon, ob nun nach tridentinischem Ritus oder nach der neuen Messordnung gefeiert wird. Deshalb lebt jede Liturgie aus einer Spannung: jener zwischen der gewissermaßen von selbst ablaufenden heiligen Handlung auf der einen Seite und menschlichen Fehlbarkeiten auf der anderen. Priester, die Kerzen umwerfen; Messdiener, die kichern; Kinder, die schreien; Alte, die tuscheln: An jedem Sonntag bricht seit jeher das Profane ins Heilige ein und muss mit jenem vermittelt werden. Mag Mosebach die Unzulänglichkeiten der heutigen liturgischen Praxis zu Recht beklagen, die Erinnerungen an die Verflachungen der vorkonziliaren Praxis klammert er unzulässig aus. Seine Liturgie ist von aller menschlichen Schwäche bereinigt. So entpuppt auch sie sich, je objektivistischer ihre Formbehauptung, als eine selbstgemachte.

          Mosebach verteidigt sich gegen den Vorwurf des Ästhetizismus, indem er auf der Richtigkeit der Feststellung beharrt, die äußere Gestalt einer Sache enthülle die innere Wahrheit des Angeschauten. Daran muss in der Tat erinnert werden. Ästhetizist ist Mosebach aber aus anderem Grund: weil er die liturgische Praxis nur vor dem Hintergrund einer idealen, aus der träumerischen Lektüre alter Messbücher gewonnenen Liturgie zu betrachten in der Lage ist. Würde die tridentinische Messe wieder allerorten eingeführt, müsste sie erneut den Zumutungen menschlicher Unzulänglichkeit standhalten. Das kann Mosebach im Ernst nicht wollen.

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