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Rezension Sachbuch : Wir Kinder der Lithosphäre

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Der Mensch und seine Wiege im ostafrikanischen Grabenbruch: Das Vulkangebiet des Erta Ale in Äthiopien. Bild: AFP

Nicht ganz von der Hand zu weisen: Lewis Dartnell erklärt sich den Menschen aus der Geschichte seines Planeten.

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          Wer sich Manhattan einmal nicht von den üblichen Aussichtspunkten aus ansieht, sondern aus der Ferne von Osten oder Westen, bemerkt etwas Seltsames. Die Wolkenkratzer sind nicht gleichmäßig über die Landzunge zwischen Hudson und East River verteilt, sondern bilden zwei Büschel: eines am Südende und eines in Midtown. Warum ist das so?

          Auch Sozialwissenschaftler würden vermuten, dass dies unter anderem mit naturräumlichen Gegebenheiten zu tun hat: Im Süden, rings um die Wall Street, liegt den Nutzern der besonders repräsentativen Büros die Upper Bay zu Füßen und in Midtown treibt unter anderem der Blick auf den Central Park die Immobilienpreise. Hier wie dort werden damit aber auch soziale und ästhetische Faktoren in die Erklärung miteinbezogen. Lewis Dartnell dagegen kann mit einem rein geologischen Grund aufwarten: Unter Manhattan liegt eine Schicht harten metamorphen Schiefers, der zerknautschte Rest eines uralten Gebirges. Diese Gesteinslage verläuft aber nicht eben, sondern bildet eine Mulde, so dass der Schiefer in Midtown und am Südende nahe der Oberfläche liegt und dort spielend die Fundamente sehr großer und schwerer Gebäude trägt, während man auf den weicheren Formationen dazwischen nicht so einfach hoch bauen kann.

          Die Erde, astrobiologisch gesehen

          In seinem Buch „Ursprünge“ behandelt der britische Fachjournalist und Professor für Wissenschaftskommunikation an der University of Westminster noch ganz andere Phänomene aus der Sphäre des Menschlichen, die gleichwohl mit geowissenschaftlichen Vorgängen und Gegebenheiten in Zusammenhang gebracht werden können: mit Klimaschwankungen, mit der Verbreitung potentieller Nutzpflanzen und -tiere in verschiedenen Weltgegenden und immer wieder mit der Plattentektonik der irdischen Lithosphäre. Das geht von den Wahlergebnissen im Südosten der Vereinigten Staaten über das britische Empire, die athenische Demokratie und fast sämtliche frühe Hochkulturen bis zurück zum Homo sapiens selbst, für dessen Da- und Sosein Dartnell allerhand Gründe aus der geologischen und klimatischen Geschichte Ostafrikas anzugeben weiß.

          Nun ist der Ansatz, Faktoren der Menschheitsgeschichte in der Natur zu suchen, nicht völlig neu. So hatte etwa der amerikanische Wirtschaftshistoriker David Landes (1924 bis 2013) in „The Wealth and Poverty of Nations“ (1998) die Gründe für den ökonomischen Vorsprung Europas und später Nordamerikas und Japans gegenüber anderen Erdteilen auch in klimatischen Faktoren gesehen. Dartnell wagt es nun, ein weitaus größeres Panorama aufzuziehen. Die Motivation dazu dürfte mit seiner Herkunft aus der Astrobiologie zu tun haben. Das ist jene Wissenschaft, die sich fragt, unter welchen astronomischen und geochemischen Voraussetzungen fremde Planeten oder Monde biologische Aktivität, komplexe Organismen oder sogar intelligente Lebensformen hervorbringen könnten. Da ist es nicht weit zu der Frage nach den natürlichen Faktoren, die auf der Erde die Herausbildung von Städten, der Hochseeschifffahrt oder des Kapitalismus ermöglichten.

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