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Rezension: Tony Judts Autobiographie : Von wirklichen Reisen und solchen im Kopf

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Bild: Verlag

Gedächtniskunst ganz unverwechselbarer Art: Tony Judts postum erschienenes „Chalet der Erinnerungen“ ist eine große Autobiographie in berührenden Miniaturen.

          3 Min.

          Mühsam und anstrengend sind die Tage. Dann kommt die Nacht. Der Patient wird aus dem Rollstuhl gehoben, in halb aufrechter Position auf seinem Lager fixiert, die eingewickelten Arme auf der Decke, der Beatmungsschlauch auf dem Mund, die Brille auf dem Nachttisch. Eine letzte Gelegenheit, sich an dem Dutzend juckender Stellen kratzen zu lassen. Und dann „liege ich da, eingepackt, kurzsichtig und reglos wie eine moderne Mumie, allein in meinem Körpergefängnis, und nur meine Gedanken begleiten mich durch die Nacht“.

          Seine Erinnerungen an Menschen und Orte, an sein bisheriges Leben wurden für Tony Judt, den großen englischen Historiker, zu Rettungsankern, zur einzigen Möglichkeit, Schlaflosigkeit und Schmerzen und das allnächtliche Einsamkeitsmartyrium zu ertragen. Mit sechzig Jahren war er an Amyotropher Lateralsklerose erkrankt, einer seltenen, unheilbaren Störung des motorischen Nervensystems, die immer größere Teile der Muskulatur, die Gliedmaßen und schließlich auch Stimme und Atmung außer Kraft setzt und ihn nach und nach fast vollständig lähmte. Nur der Geist blieb hellwach.

          In Erinnerungen gesucht

          Doch die nächtlich heranflutenden, immer lebendigeren und deutlicheren Lebensbilder können nicht mehr notiert oder aufgezeichnet werden. Notizbuch und Laptop sind nutzlos geworden, die Hände versagen den Dienst, der Mund ist verschlossen. Bis zum nächsten Tag muss das Erinnerte in einem imaginären Speicher abgelegt werden, um dort am Morgen, nachdem der Schlaf doch noch kam, wieder abgerufen und diktiert werden zu können. Tony Judt findet diese mnemotechnische Stütze nicht in weitläufigen Palästen, wie sie alte Anleitungen zur Gedächtniskunst heranzogen, sondern in einem kleinen Chalet in den Schweizer Bergen, wo er als Zehnjähriger mit seinen Eltern einen Urlaub verbrachte und dessen Grundriss und Ausstattung er sich fünfzig Jahre später immer noch vergegenwärtigen kann.

          Über ein Jahr lang kehrt er jede Nacht in Gedanken in das vertraute Gebäude zurück, setzt sich in einen der alten Sessel und wartet auf die Erinnerungen, die sich zu Geschichten und Gedankenverkettungen fügen. Ist eine von ihnen abgeschlossen, nimmt er noch einmal den Weg zur Eingangstür und geht von dort in eines der Zimmer, wo die Geschichte abgelegt wird, um am nächsten Morgen auf demselben Weg wieder aufgerufen zu werden.

          Niemals nur Jude oder Engländer

          Der Autor weiß, dass die so entstehenden Aufzeichnungen anders sind als alles, was er bis dahin geschrieben hat. Ihre poetische Kraft, ihr existentieller Ernst beruhen auf dem Versuch, „das Private und das Politische, Verstand und Intuition, Erinnerung und Gefühl miteinander zu verknüpfen“. Den Vorzug der erzählerischen Verbindung von Forschungswissen mit persönlich Erlebtem hatte Judt allerdings schon als Historiker der Nachkriegszeit, als Autor von Werken wie der „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“, als glückhafte Konstellation empfunden. Im Angesicht des Todes gelingen ihm berührende Erinnerungsstücke voll ironischer Melancholie: an das mit Bus und U-Bahn immer wieder von Endstation zu Endstation durchquerte London der fünfziger Jahre, an den unerbittlichen Deutschlehrer Joe, an Eisenbahnreisen und Schiffspassagen, an die im Kibbuz verbrachten Sommer, die Studienjahre in Cambridge und Paris, die Achtundsechziger-Erlebnisse, an die mit Tschechisch-Unterricht besiegte Midlife-Crisis und Begegnungen mit Czeslaw Milosz und Adam Zagajewski.

          Doch der akademische Freigeist Judt, der 2008 ein Buch über die „Rückkehr des politischen Intellektuellen“ veröffentlichte und noch nach Ausbruch seiner Krankheit einen „Traktat über unsere Unzufriedenheit“ herausbrachte (“Dem Land geht es schlecht“, 2010), sorgt sich auch in der Zuflucht seines „Chalets der Erinnerungen“ um den dünnen Firnis unserer Zivilisation, will noch ein letztes Mal gegen ein alles vereinnahmendes schönes neues Zeitalter Stellung beziehen, in dem „die Toleranten fehlen, die Außenseiter, die Menschen am Rand. Meine Leute.“ Das „warme Bad der Identität“ war ihm, der sich niemals nur als Jude oder Engländer fühlen wollte, immer fremd geblieben, auch deshalb erkennt er in der bedingungslosen Loyalität gegenüber Staaten oder Glaubensgemeinschaften ein Grundübel der Epoche.

          Und auch der Jargon vieler Fachgenossen bleibt ihm ein Greuel - wie sprachliche Nachlässigkeit überhaupt. Er beobachtet ein um sich greifendes Sprechen auf Kurznachrichtenniveau, durch das die Wörter genauso wie die mit ihnen formulierten Gedanken ihre Integrität verlieren: „Wenn wir den individuellen Ausdruck über formale Konventionen stellen, privatisieren wir, neben vielem anderen, auch die Sprache.“

          Gerade seine Krankheit habe ihm diese Gefährdung bewusstgemacht, das Wunder des Sich-mitteilen-Könnens vor Augen geführt. „Das Sein in Gedanken übersetzen, Gedanken in Worte und Worte in Kommunikation - das wird bald nicht mehr möglich sein. Dann bleibt mir nur noch die Landschaft meiner inneren Reflexion.“ Im August 2010 starb Tony Judt, dieses anrührende Buch gehört zu seinem Vermächtnis.

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