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Rezension: Thierry Paquot „Die Kunst des Mittagsschlafs“ : Dämmern in der Stunde der Dämonen Neue Sachbücher

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Bild: Verlag

Lang ist es her, dass man sich zu einer Siesta zurückzog, um für den zweiten Teil des Tages gerüstet zu sein. Sollte man darauf nicht zurückkommen? Thierry Paquot lobt den Mittagsschlaf als Widerstandsakt.

          Dass man ausreichend schlafen soll, steht in jedem Gesundheitsratgeber. Auch die Schlaf- und Traumforschung publiziert dann und wann ihre neuen Erkenntnisse. Der gute Rat und die Ergebnisse der Forschung zielen aber vor allem darauf ab, dass der Schläfer anschließend wieder fit ist und sich voller Energie ins globalisierte Leben stürzen kann, um dort - noch eine Spur effektiver als bisher - was auch immer zu tun. Auch Thierry Paquot, der schon 1998 in Frankreich das jetzt ins Deutsche übertragene Büchlein „L’Art de la sieste“ publizierte, das zu einem unerwarteten Erfolg wurde, tappt ein- oder zweimal in diese Falle. Ansonsten aber geht es ihm nicht darum, die Effektivität der Macher zu steigern, sondern folgt eher dem Programm, das Gerhard Meier eingangs seines Romans „Land der Winde“ so formulierte: „Viele meiner Kollegen waren Macher. Und Gemachtes ist leichter nachzuvollziehen. Ich war ein Wesen, das aus der Müdigkeit kam.“

          Einer Müdigkeit allerdings, die im Falle Paquots nichts Schweres hat, widmet sich sein Essay doch einer leichten, unter Umständen auch sehr kurzen Gestalt des Schlafs, eben dem Mittagsschlaf. Der hat zugleich auch den Ruch des Unseriösen, ja Unerlaubten. Mitten am Tag, wenn die Weltmaschine auf vollen Touren läuft, sich für fünfzehn Minuten oder gar eine Stunde aus diesem Betrieb zurückziehen, dämmern, träumen, schlafen, also: einfach nicht da sein - darf man das?

          Wer mittags schläft, verlässt die Weltmaschine

          Man darf es immer weniger, und es wird immer mehr zum Privileg weniger. Schon allein die Verkürzung der Mittagspausen im Takt der Kapitalverwertung (oder -vernichtung) erlauben es den Angestellten nicht mehr, mittags eine kurze Auszeit zu nehmen. Mein Vater hatte noch anderthalb Stunden Mittagspause, kam nach Hause zum Essen und betrieb danach eine Viertelstunde „Augenpflege“. Dieser Hauch von Luxus ist dem heutigen Humankapital nicht mehr vergönnt, und daran wird sich nichts ändern, solange nicht irgendeine wissenschaftliche Studie zweifelsfrei festgestellt hat, dass ein halbstündiger Mittagsschlaf die Produktivität eines Unternehmens um bis zu dreißig Prozent steigern kann.

          In diesem Falle würde er natürlich verordnet und verlöre das Moment des Unseriösen und Widerständigen, um das es Paquot geht. Das Unseriöse liegt schon darin begründet, dass der Mittag die Stunde Pans ist und die Stunde von allerlei „Dämonen, Sirenen, Satyrn, Nymphen und vielen anderen flüchtigen Phantasiegestalten“, wie es Paquot im Anschluss an Roger Caillois formuliert. Natürlich auch die Stunde einer Erotik, die entgrenzt und nicht eingebunden ist.

          Der Mittag ist also eine gefährliche Stunde, und wer in ihr wegdämmert und auf schläfrige Reisen geht, der tut das nicht so sehr um der Reproduktion seiner Arbeitskraft willen, sondern tendenziell, um die ganze Lebens- und Weltmaschine zu verlassen. Da wird dann quasi der Mittagsschlaf als Widerstandsakt vollzogen, und „Mittagsschlaf als Widerstand“ ist in der Tat das vorletzte Kapitel des Essays überschrieben.

          Erinnerungen an eine sinnliche Siesta

          Nun verfügt allerdings Thierry Paquot, Philosoph und Professor am Institut für Urbanismus an der Université Paris 12, über ausreichend Ironie, um kein Manifest zu schreiben, auch wenn dieses Kapitel mit dem Aufruf endet: „Schläferinnen und Schläfer, schlaft am Mittag!“ Eine neue Empört-euch!-Welle soll aber durch dieses Buch nicht ausgelöst werden und wäre gewiss seinem Thema auch völlig unangemessen. Der Essay zeichnet sich eher durch jene gewisse Lässigkeit aus, die auch einen guten Mittagsschlaf kennzeichnen kann, selbst wenn manches, was Paquot uns über die disziplinierte Zeit und die Zeitorganisation in der Moderne überhaupt erzählt, ein wenig redundant wirkt.

          Ganz zum Schluss gibt es unter der Überschrift „Kein letztes Wort“ eine wunderbare Paraphrase auf Georges Perecs „Je me souviens“, in der sich Paquot an eigene - und fremde - Augenblicke des Mittagsschlafs erinnert: „Ich erinnere mich an einen unbequemen Mittagsschlaf in einem überfüllten Minibus zwischen Douala und Yaoundé“, oder: „Ich erinnere mich an eine sinnliche Siesta zu zweit ...“ Das sind Epiphanien, Bilder, wie auch das Buch selbst sich unter anderem dem Kommentar von themenverwandten Bildern widmet, von Giorgiones und Tizians „Schlummernder Venus“ über Brueghel des Älteren „Schlaraffenland“ bis zu Delacroix’ „Frauen von Algier in ihrem Gemach“.

          Er hätte sich nach dem Erfolg seines Buches sicher als Siesta-Therapeut niederlassen können, schreibt Paquot im Nachwort zur Neuauflage: „Oder ich hätte Siestologe werden können, um riesige internationale und interdisziplinäre Untersuchungen zum Mittagsschlaf zu lancieren ...“ Das hat er zum Glück nicht getan. Denn: „Die ganze Wahrheit der Siesta ergründen wir nie.“ Nehmen wir also die halbe und überlassen die andere Hälfte der Erfahrung des eigenen Leibs.

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