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Rezension: Schubert-Liedlexikon : Blickt ihm ruhig in alle Lieder

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Bild: Verlag

Das lange geplante Handbuch über den Liederkomponisten Franz Schubert liegt vor und erfüllt hohe Erwartungen.

          4 Min.

          Es ist guter Brauch in den Geisteswissenschaften, das Wissen über einen Gegenstand oder eine Person von Zeit zu Zeit in Handbüchern zusammenzufassen. Zur bequemen Orientierung für Studenten oder Fachkollegen, aber auch zur Vermittlung an eine breitere, über die Grenzen der eigenen Disziplin hinausgehende Öffentlichkeit. In der Musikwissenschaft hat sich solches Bemühen seit einigen Jahren jedoch zu einem zentralen, inzwischen mit ostentativer Beharrlichkeit gepflegten Darstellungsmodus entwickelt.

          In einer disziplinären Diskussion, die mit einer gewissen Inbrunst auf die Destabilisierung ihres eigenen Gegenstandes gerichtet ist, wirken derartige Unternehmungen nicht selten wie ein Kontrapunkt, vielleicht sogar wie ein beschwörendes Korrektiv. Zuweilen gewinnt man dabei, nicht ohne Irritation, den Eindruck, das Handbuch ersetze den verdichteten monographischen Entwurf, ja, es weiche diesem sogar aus. Gestützt wird dies von manchen Verlagen, die den wissenschaftlichen Markt mit voluminösen Handbuchvorhaben geradezu überschwemmen, zum doppelten Nachteil der Sache: Vielbändige Kompendien sind eben keine Handbücher mehr und folglich keine Zusammenfassung von Forschungsarbeiten, sondern verkappte monographische Darstellungen, die ihrerseits jedoch nicht mehr von einer Problemstellung geprägt sind, sondern vom bloßen Bann eines abgezirkelten Gegenstands.

          Knappe neunhundert Seiten

          Das nun erschienene Schubert-Liedlexikon, dessen Titel, modisch-schick, in Kleinschreibung daherkommt, ist eigentlich ein Handbuch, jedenfalls eine Mischung aus Handbuch und Lexikon - und bezeichnet ein besonderes, aber in diesem Falle besonders produktives Dilemma. Es ist nämlich unstrittig, dass die Liedkomposition ein zentraler Pfeiler in Schuberts Schaffen ist - zudem derjenige, der den Komponisten zu Lebzeiten besonders erfolgreich hat werden lassen. Gleichwohl hat nur ein kleiner Teil dieser Lieder Eingang in ein stabiles Repertoire gefunden, was sich in der Forschungslage widerspiegelt. Gerade dieser Umstand erweist sich aber als veritabler Grund für ein solches Unternehmen, denn hier war Wissen nicht einfach zusammenzufassen, sondern in einem elementaren Sinne erst zu generieren.

          Auf den fast neunhundert Seiten des Kompendiums findet sich also der Kosmos des Schubertschen Liedschaffens in Werkporträts ausgebreitet - und dies ist in der Tat ein bewundernswertes, in mancher Hinsicht einschüchterndes Novum. Kein Mensch käme wohl auf den Gedanken, eine Monographie über Schuberts Lieder zu schreiben - und wenn, dann wäre er auf eine karge Auswahl angewiesen. Eine lexikalische, nicht durch vorgeprägte Wertungen hierarchisierte Darstellung erweist sich daher als angemessene Antwort auf dieses Problem, und der Band dürfte schon deswegen eine Fundgrube sein für Studenten, Literatur- und Musikwissenschaftler, Musiker, Konzertbesucher und, zum Glück, für den Liebhaber.

          Auf ein schwindelerregendes Niveau

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