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Rezension: Rombilder im Protestantismus : Avantgarde am Weltknoten

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Bild: Verlag

Vom Babylon der Päpste zum Labor der historischen Moderne: Ein Band widmet sich Rom-Bildern deutscher Protestanten im neunzehnten Jahrhundert.

          Die ewig frische und doch höchst gebrochene Rom-Sehnsucht deutscher Protestanten hat eine lange Geschichte, die nun ein schöner Sammelband erzählt. Anders als sonst üblich, kehrt er nicht disparate Einzelaufsätze zusammen, sondern verfolgt durchgehend eine Fragestellung: Wie kann es gelingen, an einem fernen Ort einem ganz Anderen so zu begegnen, dass man sich selbst dadurch neu findet? Indem sie dieser Frage auf den Feldern von Literatur, Geschichtswissenschaft, Theologie und Malerei nachgehen, bieten die Beiträge ein weites Panorama und zugleich eine gemeinsame Perspektive. Dabei konzentriert sich der Band auf das lange neunzehnte Jahrhundert, denn hier erreichte die deutsch-protestantische Rom-Liebe eine unvergleichliche Intensität.

          Vorher, in der früheren Neuzeit, galt Rom den deutschen Protestanten als ruchloses Babylon und diente als negative Kontrastfolie zur Absicherung der eigenen evangelischen Selbstgewissheit. Das änderten erst Winckelmann und Goethe. Letzterer - auch wenn er schon jenseits dessen stand , was man noch Protestantismus nennen kann - schuf dabei das Grundmodell eines emphatischen RomBildes. Mitten in einer Identitätskrise war er 1786 nach Rom gereist - bezeichnenderweise allein, was für seine Zeit und seinen Stand ungewöhnlich war. In der ewigen Stadt erlebte er seine Wiedergeburt, aber nicht im wirklichen Rom seiner Zeit, sondern in der Welthauptstadt antiker Kunst. Hier wurde er ein neuer Mensch, wiedergeboren als Klassiker.

          Ein weiterer Schritt wissenschaftlicher Modernisierung

          Diesem Beispiel folgten die Romantiker mit ihrer - Goethe ganz fremden - Mittelalter-Sehnsucht. Jenseits der ständischen Regeln, die sie zu Hause banden, und des engen konfessionellen Rahmens, in dem sie aufgewachsen waren, suchten sie an diesem „Anderort“ ein neues Bild ihrer selbst. In einem erträumten Rom, in dem Antike und katholische Kirche zu einer universalen Kunstreligion verschmolzen, fanden und erfanden sie sich neu. Und dies in großer Zahl. Den damaligen Römern dürften die Herzensergießungen der kunstliebenden Protestanten fremd gewesen sein, so wie diese die konkrete Stadt und das realexistierende Papsttum kaum wahrnahmen. Darin zeigt sich ein Problem. Denn bei ihnen führte die Konfrontation mit dem konfessionskulturell Fremden nicht zu einer stärkeren Bewusstheit der eigenen Prägung, sondern oft genug nur zur Steigerung ihrer religiösen Unsicherheit, was allerdings nicht selten mit einer umso forcierteren Frömmigkeit überspielt wurde. So ganz genau wollten sie den katholischen Glauben gar nicht verstehen, sondern sich lieber an einem exotistischen Phantasma erbauen.

          Durchbrüche ganz eigener Art erlebten protestantische Historiker und Theologen bei ihren Besuchen. Ihnen wurde Rom zu einem Laboratorium der historiographischen Moderne. Leopold Ranke, Theodor Mommsen oder Ferdinand Gregorovius erprobten hier die Möglichkeiten einer aus den Quellen geschöpften, kritischen Geschichtswissenschaft. Vor allem Ranke erschloss unerforschte Archivbestände. Er verbrachte die meiste Zeit in Bibliotheken und achtete darauf, nicht zu tief „in das Reich einer jener tiefbusigen Schönheiten“ zu geraten, die einem „ein Analogon der Liebe“ gewähren, um doch lieber wissenschaftliche Entdeckungen zu machen. Auch Mommsen saß viel und ausdauernd in Bibliotheken, was einmal sogar zu einem Eklat führte. Als er nämlich in der Vatikanischen Bibliothek arbeitete und Papst Leo XIII. auf einer Sänfte durch den Raum getragen wurde, stand er als Einziger nicht auf. Dass die historiographische Pionierarbeit, in der sich eine protestantische Geisteshaltung manifestierte, institutionell auf Dauer gestellt wurde - nämlich im Königlich Preußischen Historischen Institut in Rom - war ein weiterer Schritt wissenschaftlicher Modernisierung.

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