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Sexualität : Im dunklen Wald des Begehrens

Muss sie sofort genau wissen, was sie später wollen wird? Der Druck lastet auch in der Konsenskultur oft auf den Frauen. Bild: Picture Alliance

Der Druck lastet fast immer auf den Frauen: Katherine Angel erörtert in „Morgen wird Sex wieder gut“ die heutige Sexualmoral und Konsenskultur mit all ihren Grauzonen.

          3 Min.

          Es gibt Debattenbücher, die sind wie Zugfahrten: Ein Stopp reiht sich an den anderen, am Ende ist man ganz woanders als zuvor und weiß sogar, wie man dort hingekommen ist. Und es gibt Debattenbücher, die sind, als hätte man sich im Wald verirrt: keine Wegweiser, überwucherte Pfade, wirre Markierungen, und ständig kommt es einem so vor, als wäre man an dieser oder jener Baumgruppe doch vorhin schon mal vorbeigekommen. Am Ende kriecht man durch eine Hecke aus dem Wald, weil man in der Ferne eine Landstraße hört, und ist ebenso klug wie zuvor.

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.

          Ein solches Buch ist „Morgen wird Sex wieder gut“ der britischen Philosophin und Historikerin Katherine Angel. Frauen und Begehren, wie der Untertitel lautet, ist zwar ein komplexes Thema. Umso wichtiger wäre es gewesen, es in Form zu bringen. Angel befasst sich mit den Diskussionen um Sexualität, die nach MeToo neue Fahrt aufgenommen haben: Konsens und seine Grauzonen, Machtverhältnisse, Rezeption weiblichen Begehrens, Opferumkehr nach Vergewaltigungen, Sex in Beziehungen. Was sie ihnen im Vergleich zum Stand der Debatte von 2018 hinzufügt, ist allerdings nicht ganz klar.

          Dafür widmet sich Angel in sehr langen Sätzen mit sehr vielen Kommata den zahllosen Paradoxien ihres Topos: „Anzeichen für Genuss werden Frauen als Fehler angerechnet – ebenso besondere Vorlieben oder Kinks“, die sie andererseits angeblich im Namen der sexuellen Befreiung ausprobieren sollen. Eine Passage widmet sie der Funktion von Sex als Beziehungskitt, mit dem Paare auch Nähe schaffen können, wenn sie gerade nicht vor Lust erzittern. Wo ist die Grenze zwischen Beziehungsarbeit und Druck zum Sex? An Antworten versucht die Autorin sich nicht; es gibt ohnehin keine pauschalen Regeln für so individuelle Empfindungen.

          Der Graubereich ist nicht nur schlecht

          Der Druck fast aller von ihr beschriebenen Mechanismen lastet auf den Frauen, die eigentlich alles nur falsch machen können. Wenn sie ihr Begehren äußern, werden sie in vielen Situationen noch immer herabgewürdigt. Wenn sie nicht zu ihrem Begehren stehen oder gar keines empfinden, passen sie nicht in die Gesellschaft, weil sie das Konzept zur konsensualen Sexanbahnung nicht anwenden, das gesellschaftlich gerade erst neu ausgehandelt wurde und nicht unter allen Umständen funktioniert. Angel schreibt: „Sowohl die beharrlich positive Sprache der Konsensrhetorik als auch die beharrlich verächtlichen Positionen ihrer Kritikerinnen entspringen einem postfeministischen Moment und einem Selbstvertrauensfeminismus, in dem Schwäche oder Unsicherheit zu jedem Preis vermieden werden müssen.“

          Die Autorin geht darauf ein, dass Bill Cosby Frauen Methaqualon verabreichte, um sie zu vergewaltigen, und dann darauf bestand, das wäre Sex gewesen, keine Vergewaltigung: „Aber für Männer wie Cosby ist Sex nun mal etwas, das Frauen nicht freiwillig machen; etwas, zu dem man sie überreden oder nötigen muss – und er ist etwas, das Männer Frauen antun.“ Der Gedanke, dass Cosby und andere Männer eine Vergewaltigung unter Drogen für völlig normalen Sex halten, scheint doch sehr weit hergeholt.

          Später geht es um den Graubereich zwischen Vergewaltigung und enthusiastischem Sex. Solche Begegnungen entstünden durch „Gendernormen“, durch „Missverhältnisse und Ungleichheiten des Zugangs zu sexueller Bildung“, auf jeden Fall sei es ein politisches Thema. So weit alles richtig, aber Angel subsumiert diesen Graubereich unter „schlechtem Sex“. Das lässt es harmloser klingen als nötig – schlechter Sex bedeutet im landläufigen Gebrauch doch eher, dass Menschen im Bett stilistisch nicht zusammenpassen oder einer der Partner zu angetrunken, übermüdet oder halbherzig ist.

          Ein Raum für ein Vielleicht

          „Die Idee des Konsenses positioniert Sex als etwas, zu dem Frauen den Zugang kontrollieren“, schreibt Angel außerdem. Geradeso, als gelte die Idee für Männer nicht. Die Vorstellung von Konsens als Selbstbedienungsladen für Frauen reduziert Männer auf ein Allzeit-bereit-Klischee, vor dem die Autorin doch selbst warnt: „Warum streben wir nicht eine Kultur an, die die sexuelle Lust der Frauen in all ihrer Komplexität akzeptiert und fördert und die Komplexität männlichen Begehrens ebenfalls zulässt?“ Darauf gibt es natürlich eine einfache Antwort: Das Erfassen von komplexen Sachverhalten ist nicht jedermanns Sache.

          Katherine Angel: „Morgen wird Sex wieder gut“. Frauen und Begehren.
          Katherine Angel: „Morgen wird Sex wieder gut“. Frauen und Begehren. : Bild: Hanser Verlag

          Eine andere wichtige Forderung bringt Angel noch auf: „Die Sexualität von Frauen sollte nicht immun gegen Missbrauch sein müssen, damit Frauen nicht missbraucht werden.“ Auf diese Weise soll ein Raum für ein Vielleicht entstehen, dass das Gegenüber nicht automatisch als Ja missversteht. „Anzuerkennen, dass sexuelles Begehren nicht immer dringlich und spontan erfolgt, hat eine erhebliche Tragweite.“ Deshalb dürfe man nicht versuchen, die gelegentliche Unbestimmtheit des Begehrens auszuklammern. „Eine Sexualethik, die ihren Namen verdient, muss für Unklarheit, Intransparenz und Nichtwissen Raum lassen.“

          Bei so umfassendem Veränderungsbedarf – wo kommt da der optimistische Titel her? Und kommen wir dem Ziel gesellschaftlich tatsächlich näher? Man muss fast bis ganz zum Ende warten, um das zu erfahren. Da wird der Pate des Titels genannt: „‚Der gute Sex ist nahe‘, sagte Foucault sardonisch – morgen wird Sex wieder gut. Das ist das Ideal, das ist die Illusion.“ Kein Anlass zum Optimismus also.

          Katherine Angel: „Morgen wird Sex wieder gut“. Frauen und Begehren. Aus dem Englischen von Zoë Beck und Annika Domainko. Hanser Verlag, München 2022. 176 S., geb., 20,– €.

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