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Rezension: Jonathan Bolton: „Worlds of Dissent“ : Plackerei in der Schattenwelt

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Bild: Verlag

Fundiert, facettenreich und glänzend geschrieben: Jonathan Bolton beschreibt das Leben der tschechischen Dissidenten unter kommunistischer Herrschaft.

          4 Min.

          Was sagt uns ein Gemüsehändler unter kommunistischer Diktatur, der zwischen seinen Zwiebeln und Möhren das Spruchband anbringt: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“? Václav Havel hat diese Frage beantwortet und schuf damit das berühmteste Gleichnis der Dissidentenbewegung. Im Klartext, so Havel, sagt der Gemüsehändler: Ich habe Angst und passe mich an. Havel riet deshalb zur Entfernung des Spruchbands. Der Dissident Petr Pithart hielt dagegen. Für den Gemüsehändler habe das Spruchband kaum eine Bedeutung, er nehme Wörter nicht so wichtig - im Gegensatz zu „uns, den Intellektuellen“.

          Wir haben uns daran gewöhnt, die tschechischen Dissidenten mit einer Aura von Absolutheit zu umgeben - Havels Beerdigung hatte es wieder gezeigt. Ist es ein Zufall, dass der Mann in Gleichnissen sprach? Gerade das Gleichnis vom Gemüsehändler dient dem Harvard-Professor Jonathan Bolton nun aber als Angelpunkt zu einer neuen Darstellung des tschechischen Dissidententums, die es von ebendiesem Absolutheitsanspruch befreit.

          Beide Narrative kommen überein

          Bolton nähert sich seinem Gegenstand unter einer Doppelperspektive, die paradox, der Sache aber angemessen ist. Einerseits entmythisiert er die Welt der tschechischen Dissidenten, andererseits zeigt er, wie entscheidend gerade die mythenbildende Kraft dieser Bewegung für ihren Erfolg letztlich war. Er macht deutlich, an welcher Stelle die drei gängigsten Theorien der Dissidenz jeweils zu kurz greifen. Das heroische „Helsinki-Narrativ“ zeichnet ein vereinfachtes Bild der Dissidentenpsychologie: Die Vorstellung von einem Häuflein Aufrechter, das die Fahne der universalen Menschenrechte gegen alle Umstände emporhielt, diente zwar den Bedürfnissen des Kalten Krieges, trägt aber wenig dazu bei, die Geschichte aus heutiger Sicht begreiflich zu machen.

          Das idealisierende Narrativ von der „Parallelen Polis“ sieht die Dissidenten als Begründer einer Zivilgesellschaft, die moralisch fast unberührt von dem sie umgebenden System geblieben sei - als hätten ihre Angehörigen auf einer Insel gelebt. Beide Narrative kommen darin überein, die passive Bevölkerungsmehrheit als träge Mitläufer abzutun. Diesen Fehler vermeidet das dritte Narrativ vom „Normalbürger“ - doch um welchen Preis! Hier werden die Dissidenten als elitärer Zirkel gezeichnet: ohne Verbindung zum wirklichen Leben, über den Zugeständnissen schwebend, die der Alltag nun einmal mit sich bringt. Das Normalbürger-Narrativ, das sich dieser Tage wachsender Beliebtheit erfreut, läuft in der Tat Gefahr, die Erfahrung des Dissidentendaseins zu entstellen - als hätten Dissidenten keinen Alltag gehabt.

          Es ist nicht nur eine Siegesgeschichte

          Gegen solche Trivialisierung in beiderlei Gestalt tritt Bolton für ein vielschichtiges Verständnis von Dissidenz ein. Als zentrale Quelle zapft er dazu die Selbstauskünfte der Betroffenen an. Die Erzählung in der ersten Person dient ihm als Gegengewicht gegen die Verzerrungen der drei herrschenden Narrative. Anstatt sich nur auf die vielfach zitierten politischen Schriften der Dissidenten zu verlassen, schöpft er aus deren Tagebüchern, Briefen, persönlichen Essays und anderen Zeugnissen. Dabei nimmt er auch Autoren in den Blick, die lange von Lichtgestalten wie Václav Havel oder Jan Patocka überstrahlt wurden: Egon Bondy, Ladislav Hejdánek, Ivan Jirous, Eva Kanturková, Jirí Lederer, Petr Pithart, Anna Sabatová, Ludvík Vaculík, Jan Vladislav.

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