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Rezension: Jean-Marc Lévy-Leblond „Von der Materie“ : Ein bisschen mehr als nur der leere Raum

Bild: Verlag

Bodensatz des Realen: Jean-Marc Lévy-Leblond untersucht, wie es die Physik mit der Materie hält. Eine populärwissenschaftliche Einführung in allgemeine physikalische Konzepte der Quantentheorie.

          Die anregendsten Fragen sind diejenigen, deren Beantwortung viele unterschiedliche Perspektiven eröffnet. Ein gutes Beispiel ist die Frage danach, was denn unter Materie zu verstehen sein soll. Natürlich ist es als Erstes die Physik, in deren Zuständigkeit heute eine Antwort fällt. Relativitätstheorie und Quantentheorie haben Anfang des letzten Jahrhunderts die klassischen Vorstellungen über die Natur der Materie revolutioniert und faszinieren nach wie vor die breite Öffentlichkeit. Die Suche nach den Bestandteilen der Materie ist gleichzeitig von großer Aktualität. Die Forschungsaktivitäten am Large Hadron Collider des Europäischen Kernforschungszentrums machen regelmäßig Schlagzeilen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Materie-Begriff ist aber traditionell auch Gegenstand philosophischer Diskussionen. Eine Vielzahl altehrwürdiger Debatten haben hier ihren Ausgangspunkt: sei es die Frage nach dem Wesen der Substanz, die nicht enden wollende Diskussion über die richtige Interpretation der Quantentheorie oder auch das weite Feld der Realismusdebatte. Und schließlich ist es auch interessant, herauszuarbeiten, welche Wandlungen der Materie-Begriff hinter sich hat.

          Teilchenbeschleuniger für die Akropolis

          Der Frage nach dem Verständnis der Materie hat der emeritierte französische Physikprofessor Jean-Marc Lévy-Leblond drei Vorlesungen gewidmet. Er untersucht in ihnen den Materie-Begriff innerhalb der Quantentheorie, der speziellen Relativitätstheorie sowie der Elementarteilchenphysik. Das ist ein durchaus ambitioniertes Programm.

          Lévy-Leblond betont, dass seine Darstellung bewusst keinerlei historischen Charakter besitze. Obwohl das nicht ganz zutrifft, denn er liefert durchaus historische Bezüge, bezieht sich zum Beispiel gleich eingangs auf die antiken Atomisten. Sein Vorgehen ist aber insofern ahistorisch, als er seine historischen Analysen „einer dem momentanen Stand angepassten Darstellung unterordnet“. Eine für Physiker typische Darstellungsweise, die bei Historikern und Wissenschaftstheoretikern im Geiste Thomas S. Kuhns leicht Entsetzen hervorruft. Deutlich wird dies etwa, wenn Lévy-Leblond meint, dass das Programm einer Analyse der Bestandteile von Materie in der Antike „aus Mangel sowohl an theoretischen Kenntnissen wie auch an notwendigen experimentellen Methoden“ nicht realisiert werden konnte, die Atome also deshalb erst im neunzehnten Jahrhundert entdeckt wurden. Es scheint dann fast so, als ob die alten Griechen in ihrem Herzen bereits Teilchenphysiker waren und lediglich aus Mangel an Knowhow darauf verzichten mussten, die Akropolis mit einem Teilchenbeschleuniger zu untertunneln.

          Die aktuelle Diskussion ist Nebensache

          Auch aus einer allgemeineren, philosophischen Sicht bleiben Lévy-Leblonds Ausführungen eher unscharf. Das Vorwort des Übersetzers streicht die Absage an die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie hervor. Doch weder wird diese Deutung, die auf Heisenberg und Bohr zurückgeht, dem Leser erklärt, noch geht Lévy-Leblond auf Hauptkritikpunkte wie das quantentheoretische Messproblem ein. Sein Einwand beschränkt sich auf die Feststellung, dass die Bezeichnung Welle-Teilchen-Dualismus unzutreffend sei, weil Quantenobjekte weder Welle noch Teilchen sind, sondern etwas, für das die klassischen Begriffe zur Beschreibung nicht mehr greifen. Auf die aktuelle philosophische Diskussion der Quantentheorie geht Lévy-Leblond dabei nicht ein.

          Das Buch bietet damit vor allem eine populärwissenschaftliche Einführung in allgemeine physikalische Konzepte der Quantentheorie, Relativitätstheorie und Teilchenphysik. Wobei sich der Autor zwar philosophischer Begrifflichkeiten bedient, aber oft nicht mit ausreichender Tiefenschärfe.

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