https://www.faz.net/-gr3-7oh4y

Michael Lewis’ „Flash Boys“ : Absahnen im Nanosekundentakt

Michael Lewis’ Buch „Flash Boys“ widmet sich dem Hochfrequenzhandel an der Börse, hier zu sehen jene in der New Yorker Wall Street. Bild: dpa

Was taugen Börsennachrichten? Michael Lewis attackiert mit „Flash Boys“ den Hochfrequenzhandel und zeigt, wie Märkte und Privatanleger manipuliert werden.

          5 Min.

          Dass Michael Lewis mit seinen Büchern nicht nur Aufsehen erregt, sondern immer häufiger auch Ermittlungen auslöst, daran haben sich der Autor und ein Millionenpublikum langsam gewöhnt. Doch mit seinem aktuellen Buch „Flash Boys“ hat Lewis eine neue Ebene der Aufmerksamkeit erreicht. Einen Tag nach seinem Erscheinen kündigten das FBI und das amerikanische Justizministerium an - allerdings ohne das Buch zu erwähnen -, sie würden Untersuchungen des von Lewis gegeißelten Hochfrequenzhandels an den Börsen einleiten.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Von einer Manipulation der Finanzmärkte und von Insiderhandel war die Rede, ganz so, als hätte der Inlandsgeheimdienst eine Werbesendung für den Sachbuch-Autor geschaltet. Dementsprechend setzte sich das Buch an die Spitze der Bestellerlisten.

          Lockvögel am Supermarkt-Eingang

          In Deutschland ist ein ähnlicher Blitzstart nicht gelungen, obwohl das Thema hier ebenso virulent ist wie in den Vereinigten Staaten. Vierzig Prozent der Geschäfte, die auf der elektronischen Handelsplattform der Deutschen Börse getätigt werden, gehen auf das Konto sogenannter Blitzhändler, wie man die Flash-Trader hierzulande nennt.

          Ihr Geschäftsmodell basiert auf Hochtechnologie: Mit Hilfe von Computern, die - im Wortsinn - so nahe wie möglich an den Börsenrechnern stehen, verschaffen sie sich einen Informationsvorsprung im Millisekundenbereich. Mit Geboten, die innerhalb von Sekundenbruchteilen abgegeben und gleich wieder storniert werden, erkunden sie das Kaufinteresse von Investoren und treiben gleichzeitig den Preis der Aktie im Transaktionszeitraum nach oben. „Frontrunning“ nennt man diese Praxis des Zuvorkommens.

          Der „Economist“ hat diese Vorgehensweise mit einem treffenden Vergleich zusammengefasst: Blitzhändler verhielten sich wie Lockvögel am Eingang eines Supermarkts, die Kundschaft mit kostenlosen Leckereien köderten. Und noch während der Kunde sich über das Produkt lobend äußere, laufe ein Mitarbeiter zum Regal, um den Preis für das Produkt zu erhöhen, bevor der Kunde dort ankomme.

          Die Börse als Großrechner

          Ein Schlüsselwort des Buches ist „Beute“. Flash Trader wie Citadel oder Getco nennt Michael Lewis „Freibeuter“, ihre Firma „Absahner GmbH“, die ganze in der Öffentlichkeit vollkommen unbekannte Branche ist für ihn ein „Parasit“. Indirekt reitet der Autor damit aber auch einen Frontalangriff auf Börsennachrichten und -ticker: Sie erfassten nur einen Bruchteil des Börsengeschehens. Deswegen sei der Gelackmeierte immer der Privatanleger, der keine Ahnung davon habe, was geschehe, wenn er sich einlogge und eine Kauforder abgebe.

          Autor Michael Lewis bei einer Diskussion seines neuen Buches „Flash Boys“.
          Autor Michael Lewis bei einer Diskussion seines neuen Buches „Flash Boys“. : Bild: AFP

          Eine Studie der University of California hat gezeigt, wie viele Zugriffsmöglichkeiten dagegen ein Blitzhändler hat. Am untersuchten Börsentag zeigte allein die Apple-Aktie 55 000 Kursschwankungen. Reichlich Gelegenheiten also für die Computer der Blitzhändler.

          Und gegen diese Machenschaften soll ausgerechnet „Nettigkeit“ helfen? Die Aufrichtigkeit eines Bankers, der dem Missbrauch auf die Schliche kam? Das ist der Kern der Erzählung, die von einer emblematischen realen Figur handelt: Brad Katsuyama. Den schickte sein Arbeitgeber, die Royal Bank of Canada, als Wertpapierhändler an die Wall Street. Dort hatte er ein Schlüsselerlebnis, das er allerdings mit Tausenden Kollegen teilte: Er erkannte, dass sich der Markt in dem Augenblick veränderte, in dem er die Enter-Taste drückte, und er nie zu dem Preis kaufen konnte, den er angepeilt hatte. Die Börsen hatten den menschlichen Faktor ausgeschlossen, sie waren zum Großrechner mutiert.

          Aber wie das technisch vor sich ging, war Katsuyama lange Zeit völlig schleierhaft. Erst als er sich entschließt, den Dingen auf den Grund zu gehen, beginnt er mit einem Team aus Technikern, Programmierern und Händlern eine Aufholjagd um den Wissensvorsprung der digitalen Abzocker. Und startet nebenher eine in der Geschichte der Wall Street beispiellose Aufklärungskampagne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dafür: Winfried Kretschmann will eine Impfpflicht für ganz Deutschland

          Gutachten aus Stuttgart : Impfpflicht ja, Impfzwang nein

          Die Impfpflicht in Deutschland wird vermutlich kommen. Aber ist sie auch rechtens? Baden-Württembergs Ministerpräsident hat sie früh gefordert - und eine Kanzlei sie prüfen lassen. Das ist ihr Ergebnis.
          Jerome Powell hat seine Einschätzungen zur Inflation inzwischen verändert.

          Geldpolitik : Fed fürchtet hartnäckige Inflation

          Amerikas Notenbank prüft eine raschere Straffung ihrer Geldpolitik. Ihr Präsident Jerome Powell hält den Preisanstieg nicht mehr nur für vorübergehend.