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Rezension: Dieter Zeh „Physik ohne Realität“ : Lieber viele Welten als ein würfelnder Gott

Sobald man etwas sieht, ist die vertraute klassische Welt freilich hergestellt: Teilchenspuren in einer Blasenkammer Bild: Science Photo Library / Agentur

Was wollen wir unter einer fundamentalen Beschreibung der Natur verstehen? H. Dieter Zeh nimmt die orthodoxe Deutung der Quantentheorie aufs Korn, um einen alten Traum der Physik zu retten.

          Quantentheorie kann man nicht verstehen“, sagte einmal ein Physikprofessor seinen Studenten. „Man kann sich höchstens an sie gewöhnen.“ Doch die Gewöhnung will sich nicht einstellen. Achtzig Jahre ist her, dass die von Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger und anderen entwickelte Beschreibung des Mikrokosmos ihre mathematische Form erhielt, mit der sie zur wohl erfolgreichsten naturwissenschaftlichen Theorie überhaupt wurde. Trotzdem reißt die Debatte darüber nicht ab, wie sie zu verstehen sei - oder an welches Verständnis von ihr man sich gewöhnen soll oder darf.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.


          H. Dieter Zeh, emeritierter Professor der Universität Heidelberg, hat dazu einen klaren Standpunkt. Er hat ihn immer wieder in Aufsätzen dargelegt und nun eine Sammlung von ihnen publiziert. Nicht jedes Kapitel darin ist für physikalische Laien gedacht. Doch einige geben auch wenig vorinformierten Lesern eine Einführung in die physikalisch vielleicht profundeste und sorgfältigste Kritik an der Standardinterpretation der Quantentheorie.


          Ein passendes Konzept: Die Realität


          Zehs Sicht der Dinge wird nicht von vielen seiner Kollegen geteilt. Allerdings erfreut sie sich in der populärwissenschaftlichen Sphäre in den letzten Jahren eines gewissen Zuspruchs, impliziert sie doch ganz nüchtern die Existenz paralleler Welten. Es sind allerdings nicht die Paralleluniversen der kosmologischen Spekulationen, in denen ein Autor wie Stephen Hawking sich auflagenstark ergeht. Vielmehr ist es die Vorstellung einer sich in jedem Moment myriadenfach in völlig separate Welten aufspaltenden Realität, die zum ersten Mal 1956 von dem Amerikaner Hugh Everett III vorgeschlagen wurde.
          Ob diese Parallelwelten Tiefsinn oder Wahnsinn seien, das haben sich seither viele gefragt. Doch nicht darauf zielt der Untertitel des Buches, sondern auf die in den Augen des Autors unhaltbare Art und Weise, wie die Quantentheorie von der Mehrheit ihrer Anwender interpretiert wird. Diese sogenannte Kopenhagener Interpretation, mit dem großen dänischen Physiker Niels Bohr verknüpft, hat für Zeh ein Konzept verabschiedet, das „traditionell und erfolgreich für die Naturbeschreibung benutzt wurde“: die Realität.



          Nun waren die erfolgreichen Naturbeschreibungen vor dem Auftauchen der Quantentheorie durchweg so strukturiert, dass sie das Konzept einer vom Beobachter unabhängigen Realität, das uns der Alltagsverstand nahelegt, eher einfach gelten lassen konnten, als dass sie sich darauf stützten. Ihre Modelle mochten auf merkwürdige, zunächst gewöhnungsbedürftige Realitäten führen, von der sich drehenden Erde bei Kopernikus bis zur gekrümmten Raumzeit bei Einstein. Aber die empirischen Folgen dieser Entitäten waren eindeutig und problemlos ontologisch zu interpretieren.


          In der Quantentheorie gilt das nicht mehr. Hier gibt es zwei disparate Modelle. Erstens die nach Erwin Schrödinger benannte fundamentale Gleichung. Doch ist die Größe, die dieser Gleichung gehorcht, die Wellenfunktion, nicht schon das, was sich empirisch zeigt. Vielmehr liegt dazwischen ein zweites Modell, oft als „Kollaps der Wellenfunktion“ bezeichnet. Es bestimmt die Wellenfunktion als einen Katalog von Möglichkeiten, von denen dann nur eine erscheint - welche, das bestimmt kein Naturgesetz.

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