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Rezension: Das lesende Gehirn : Vertiefen Sie noch, oder scannen Sie schon?

Bild: Verlag

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Lesen: Maryanne Wolf hat ein Lob des Buches in digitaler geschrieben. Die vertiefende literarische Lektüre grenzt sie vom bloßen Scannen der alltäglichen Informationsflut ab - und kommt zu interessanten Erkenntnissen.

          3 Min.

          Es ist für die Erforschung eines Themas nicht ohne Belang, wenn ihr Autor an eine frühe Begeisterung, eine ins Erwachsenenalter durchgehaltene jugendliche Leidenschaft anknüpfen kann. Das Buch, das die Leseforscherin Maryanne Wolf von der Bostoner Tufts-Universität über das Lesen geschrieben hat, schöpft aus dieser doppelten Quelle: der Erfahrung einer reichen Lesebiographie und dem vom bildgebenden Verfahren angeleiteten Blick der Hirnforschung auf die neue Architektur des Gehirns, die sich beim Lesenlernen bildet. Im Zusammenspiel der Perspektiven erreicht Wolf, den zur Selbstverständlichkeit gewordenen Akt des Lesens als etwas Einzigartiges, aber auch Bedrohtes erscheinen zu lassen. Wenn wir lesen, nehmen wir nicht nur Informationen auf, wir bilden unsere gedankliche Welt aus, lautet ihr mantraartig wiederholter Glaubenssatz. Das gilt nicht für alle Arten des Lesens und für alle Textsorten gleichermaßen, und es ist kein natürlicher Prozess, sondern ein kultureller Zugewinn. Worum es Wolf vor allem geht, ist die narrative Literatur, die Lust am Text.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir müssen das Lesen erst lernen. Sein genetisches Inventar hat den Menschen nicht zum Leser bestimmt. Während es für das Sehen oder das Hören genetische Sequenzen gibt, die sich nur entfalten müssen, ist die Lesefähigkeit nicht im Gencode verankert. Die dafür erforderliche Gehirnstruktur muss sich jedes Mal erst von neuem herausbilden. Sie kann dabei jedoch auf vorhandene Potentiale, vor allem die Fähigkeit zur Repräsentation, aufbauen. So geschieht es, dass beim Lesenlernen bisher unverbundene Gehirnareale, die für genetisch verankerte Prozesse wie das Hören und Sehen entwickelt wurden, auf völlig neue Art und Weise verknüpft werden, ein Prozess, den der französische Hirnforscher Stanislaw Dehaene „Neuronal recycling“ nannte. Die neue Architektur bewirkt, dass der Leser nicht nur auf physiologischer, sondern auch auf intellektueller Ebene über sich hinauswächst und das Denken in bisher ungekannte Dimensionen ausgreifen kann. Das Gehirn eines Lesers unterscheidet sich daher von dem eines Nichtlesers, das eines geübten von dem eines beginnenden Lesers. Auch verschiedene Sprachen bilden unterschiedliche Gehirnarchitekturen aus, ohne dass sich damit schon ein Qualitätsurteil über die Leistungskraft einer Sprache für das Denken treffen ließe.

          Die Projektionsfläche eigener Gedanken

          Maryanne Wolf schreibt nicht nur eine Struktur-, sondern auch eine Faszinationsgeschichte des Lesens. Beide Perspektiven bauen aufeinander auf. Was bedeutet es für unser inneres Erleben, dass wir lesen? Es heißt, sich in eine fremde Gedankenwelt hineinzuversetzen, sich Vorstellungen hinzugeben, die man im alltäglichen Leben nicht riskieren würde. Das Lesen ist dann ein Zufluchtsort, ein Reservoir an Gedankenreichtum, eine Schule mehrdeutigen Verstehens und der Persönlichkeitsbildung. Es muss dies aber erst werden.

          Um dies zu verdeutlichen, greift Wolf auf einen Gedanken Marcel Prousts zurück, nach dem das eigentliche Lesen erst beginnt, wenn wir den Autor und den Text zur Projektionsfläche eigener Gedanken und Assoziationen machen, wenn das beginnt, was Wolf „deep reading“ nennt. Es bleibt dafür nicht viel Zeit. Der Blick auf den zugrundeliegenden Gehirnprozess zeigt, dass nur Millisekunden zur Verfügung stehen, um Assoziationen und Bedeutungen zu entwickeln. Erst wenn sich der Akt des Lesens beschleunigt und automatisiert - das neuronale Indiz dafür ist die Myelisierung an den Axonen der Nervenzellen -, bleibt der Leser nicht am Text kleben. Nur der flüssige, geübte Leser kann seinen gedanklichen und emotionalen Reichtum voll entfalten.

          Zwischen scannendem und vertieftem Lesen

          Maryanne Wolf schrieb ihr Buch aus einem Schwellenbewusstsein heraus. Man kann die Zäsur an einem persönlichen Erlebnis festmachen, das ihr zur eruptiven Erkenntnis wurde. Es war der Moment, als sie zu Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ griff, um beim ungewollt hastigen Lesen erschrocken festzustellen, dass sie im Gegensatz zu früheren Zeiten keinerlei Gedanken und Assoziationen mehr bildete. Es kam ihr vor, als würde sie maschinengleich über die Buchstaben hinwegstreifen, so wie sie täglich am Bildschirm ihre Mails abrief, und es wurde ihr klar, dass wir vor einem höchst bedeutsamen Übergang stehen. Wie Sokrates seinerzeit vor dem Übergang von der gesprochenen zur geschriebenen Sprache gewarnt hatte, in dem er die Gefahr intellektueller Sedierung sah, so stehen wir heute zwei konkurrierenden Formen des Lesens gegenüber: dem scannenden, informationsverarbeitenden Lesen, zu dem uns die Informationsflut des Alltags drängt, und dem vertieften, interpretierenden Lesen.

          Das klassische Lesegehirn läuft angesichts der schnell kursierenden Textmassen der digitalen Welt Gefahr, auf den informationellen Aufnahmemodus beschränkt zu werden. Unsere digital sozialisierten Kinder, das ist Wolfs Sorge, könnten schon überhaupt nicht mehr die Möglichkeit haben, die Fähigkeit des tiefen Lesens und die dafür erforderliche Hirnstruktur auszubilden. Ihre Einsicht wird damit zum pädagogischen Problem, dem sich mit der Ausbildung von Selbsttechniken für das tiefe Lesen, dem disziplinierten Wechsel zwischen verschiedenen Lesemodi und einer Reauratisierung der Leseerfahrung begegnen lässt. Auch mit Rezepten aus der Neuropädagogik?

          Ohne Hirnforschung

          Maryanne Wolfs kulturelle Diagnose kann sich erst teilweise auf neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse stützen. Die Messung der Hirnaktivität im bildgebenden Verfahren erlaubt bisher keine Aussage über die intellektuelle Qualität der Gedanken beim Lesen. Auch zwischen den verschiedenen Lesemodi, dem interpretierenden, dem analytischen und dem informationserfassenden Lesen kann die Hirnforschung keine Unterscheidung treffen. Es gibt noch keine Langzeitstudien, die Wolfs alarmierende Einsicht zum harten wissenschaftlichen Problem machen könnten. Wer ihr eindringliches und erfahrungsgesättiges Plädoyer gelesen hat, wird auf eine experimentelle Bestätigung nicht erst warten wollen.

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