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Rezension: „Auf Augenhöhe“ - Über Castingshows : Niemals gegen Dieter Bohlen sprechen

Umgekehrt wird leicht ein Affe daraus: Ein Kandidat von „Deutschland sucht den Superstar“ versucht sein Casting-Glück mit ungewöhnlichem Schuhwerk. Bild: dapd

War die Aufregung über Castingshows umsonst? Der Band „Auf Augenhöhe?“ legt dar, dass die jugendlichen Zuschauer zwar nicht abstumpfen, aber eine Lektion in Sachen Anpassung lernen.

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          Ein altbekanntes Dilemma der Wissenschaft: Sobald sie sich einem populären Thema zuwendet, und zwar mit ihren Methoden - (zeit-)aufwendige empirische Studien -, droht sie von der Wirklichkeit überholt zu werden. Im vorliegenden Fall sollte man besser sagen: von der Reality. Um Reality-Fernsehen nämlich geht es in dem Buch „Auf Augenhöhe?“, das Anfang des Jahres erschienen ist, genauer um seine besonders beliebten, besonders umstrittenen Ausprägungen Castingshows und Coachingprogramme. Um Sendungen also wie „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) und „Germany’s Next Top Model“ (GNTM) auf der einen, „Die Super Nanny“ auf der anderen Seite.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ausgerechnet jetzt aber, wo das Buch erst ein paar Monate draußen ist, steckt das Genre in der Krise. Vor wenigen Tagen hat RTL den inzwischen neunten „Superstar“ gekürt, dessen Namen man sich auch diesmal nicht merken muss, und es waren weniger Fernsehzuschauer dabei als je zuvor; schon ist davon die Rede, für eine neue Staffel den Rapper Bushido als zweite Reizfigur neben dem Seniorpöbler Dieter Bohlen in die Jury zu setzen. „Die Super Nanny“ wiederum, die im Buch als Pars pro Toto der Coachingsendungen analysiert wird, ist sogar Ende 2011 schon eingestellt worden. Wenn man also in diesen Formaten ein Problem sehen möchte, wozu es mancherlei Anlass gibt, dann könnte man meinen, dass sich dieses gerade von selbst löse - und das Buch somit allenfalls von historischem Interesse sei.

          Besser nicht vor Bohlen

          Andererseits ist mit neuen und möglicherweise - siehe Bushido - noch extremeren Casting-Shows fest zu rechnen; gerade hat RTL bei „DSDS Kids“ die ersten Kinder ins „Superstar“-Casting geschickt. Zudem lohnt es einen genaueren Blick, inwieweit diese doch über Jahre immens erfolgreichen Sendungen Spuren hinterlassen haben in der Gesellschaft oder wenigstens bei ihren regelmäßigen, meist jugendlichen Zuschauern. Daher ist es lobenswert, dass die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) - ein gemeinnütziger, von den kommerziellen Sendern selbst gegründeter und finanzierter Verein - Medienwissenschaftler und Pädagogen damit beauftragt hat, die Rezeption und den Erfolg der Casting- und Coachingshows zu untersuchen.

          Der FSF-Geschäftsführer Joachim von Gottberg hat es sich nicht nehmen lassen, höchstpersönlich für das Buch Ute Biernat zu befragen, die Produzentin unter anderem von „Deutschland sucht den Superstar“. Von Gottberg, ohnehin eher Anwalt als Ankläger skandalträchtigen Fernsehens, präsentiert sich als Interviewer der sanftesten Sorte. Bemerkenswerte Milde lässt der FSF-Chef selbst Bohlen angedeihen, wenn er ihm bescheinigt, dass er die Kandidaten „nicht unbedingt vorsichtig anfasst“, ja „zum Teil fast beleidigt“. Mit Bezug auf einen der infamsten „DSDS“-Momente, die Zurschaustellung und Demütigung eines Kandidaten mit einem Fleck an der Hose, liefert von Gottberg Biernat eine Vorlage (“Ehrlichkeit versus Rücksichtnahme“), die sie dankbar aufnimmt: Es sei doch prima, „Fehler dem Betroffenen gegenüber zu artikulieren, statt gegenüber Dritten herzuziehen. Daraus lernt der Kandidat nichts, trotzdem ist der Schaden beträchtlich.“ Besagter „DSDS“-Kandidat hingegen hatte neben dem beträchtlichen Schaden auch etwas lernen dürfen - dass er sich besser nie vor Bohlens Jury hätte stellen sollen.

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