https://www.faz.net/-gr3-6yy33

Rezension: Alison Winters „Memory“ : Filme werden im Gehirn nicht gegeben

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Dafür bleibt die Vergangenheit in Bewegung: Alison Winter schreibt über das Gedächtnis als Objekt der Wissenschaft.

          3 Min.

          In der Tennessee-Williams-Verfilmung „Suddenly Last Summer“ (1959) erhält der Lobotomie-Spezialist Dr. Cukrowitz von einer reichen Witwe den Auftrag, eine traumatisch, mit einem Todesfall verknüpfte Erinnerung operativ aus dem Gehirn von deren Nichte zu entfernen. In der Schlussszene des Films wendet der von Zweifeln geplagte Arzt (Montgomery Clift) sein gesamtes therapeutisches Rüstzeug auf, um die Operation abzuwenden und die verschüttete Erinnerung seiner jungen attraktiven Patientin (Elizabeth Taylor) ans Licht zu bringen: Auf einer dekorativen Couch greift er nicht nur zu Kunstgriffen der Hypnose und Psychoanalyse, sondern spritzt ihr noch zusätzlich eine Dosis „Wahrheitsserum“ in den Arm. Nach der Anwendung der Droge ist der Damm gebrochen und der Film mündet erwartungsgemäß in das finale Flashback, das die Details der grausigen Wahrheit zumindest andeutungsweise enthüllt.

          Die Kombination von psychotherapeutischen Geständnistechniken mit dem „Wahrheitsserum“, die einem heutigen Publikum wohl reichlich bizarr erscheinen mag, war keineswegs eine pure Erfindung der Populärkultur des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie Alison Winter in ihrem Buch vorführt, waren solche Praktiken in der naturwissenschaftlichen und medizinischen Gedächtnisforschung in den Vereinigten Staaten über mehrere Jahrzehnte hin durchaus an der Tagesordnung. Ähnlich wie in ihrem ersten Buch „Mesmerized. Powers of Mind in Victorian Britain“ (1998), in dem sie eine Reihe von landläufigen Ansichten über die Bedeutung des Mesmerismus für das neunzehnte Jahrhundert revidierte, wählt die in Chicago lehrende Historikerin hier einen Ansatz, der ein Spannungsfeld von wissenschaftlichen und kulturellen Kontroversen entfaltet.

          Die Wirkung der Wahrheitsdroge

          An den äußersten Polen dieses Feldes stehen sich zwei grundsätzlich divergierende Auffassungen vom Gedächtnis gegenüber: auf der einen Seite eine entschieden materialistische Konzeption, die Erinnerungen als ein stabiles und im Gehirn lokalisierbares Archiv betrachtet, auf der anderen Seite eine sozialpsychologische Experimentalpraxis, die den „rekonstruktiven Charakter“ von Erinnerungen und somit deren vielfache Veränderlichkeit nachweist. Als Vertreter der ersten Extremposition kann der Neurowissenschaftler Wilder Penfield gelten, der die Ansicht vertrat, dass die Erinnerungen im Gehirn analog zu einem Film aufgezeichnet werden. Für dessen Forschungen begeisterte sich auch der Psychoanalytiker Lawrence Kubie, der Penfield als „Proust im Operationssaal“ pries und mit ihm eine Reihe von seltsamen Experimenten durchführte, die man sich fast in einem Hollywood-Film vorstellen mag: „Während auf der einen Seite der Tücher der Arzt seine Arbeit verrichtete, konnte der Patient auf der anderen, offenen Seite mit dem neben ihm sitzenden Analytiker sprechen. Kubie plazierte sein Diktaphon unter den Tüchern und nahm die Worte des Patienten während der elektrischen Stimulationen auf.“

          Bei Fällen schwerer Gedächtnisstörung schwor Kubie, so wie auch andere Psychoanalytiker und Psychiater, auf die Anwendung des „Wahrheitsserums“ (ein schnell wirksames Barbiturat namens Natriumamytal oder -pentothal), das im Zweiten Weltkrieg zur Behandlung von traumatisierten Soldaten großflächig eingesetzt wurde. Wie Winter in einem ihrer originellsten Kapitel über die im Krieg florierende „Narkoanalyse“ zeigt, festigte sich die Vorstellung von traumatischen Erinnerungen als filmischen „flashbacks“ auch durch eine Reihe von psychiatrischen Lehrfilmen, in denen die Wirkung der Wahrheitsdroge plastisch inszeniert wurde. Auch anhand anderer Beispiele zeichnet sie nach, wie wissenschaftliche Experten regelmäßig auf populäre Ressourcen zurückgriffen, um der materialistischen Metapher vom Film im Gehirn Glaubwürdigkeit zu verleihen.

          Erfundene Begebenheiten als authentische Erlebnisse

          Auf der Gegenseite traten Kritiker auf den Plan, als deren zentralen Gewährsmann die Autorin (vielleicht etwas einseitig) den britischen Psychologen Frederic C. Bartlett präsentiert. Dessen Buch „Remembering“ (1932) erfuhr eine breite Rezeption, bis hin zum Sozialkonstruktivismus der science studies, der auch noch Winters eigenen Ansatz prägt. In einer Reihe von berühmten Experimenten zeigte Bartlett, dass Gedächtnisprozesse nach Schemata verlaufen, die in verschiedenen Kontexten zu immer neuen Umarbeitungen der Erinnerungen führen.

          In der neuen Ära der kognitiven Psychologie, wie sie sich seit Ende der sechziger Jahre unter Berufung auf Bartlett ausbildete, bewegte sich die experimentelle Forschung aus dem Labor heraus in lebensnahe praktische Situationen. Vom Nachweis der Veränderlichkeit von Erinnerungen bis zum sozialpsychologischen Massenexperiment, in dem erfundene Begebenheiten den Versuchspersonen als authentische Erlebnisse erfolgreich suggeriert wurden, war es nur ein kleiner Schritt. In den letzten Kapiteln behandelt Winter die Kontroversen in der forensischen Psychologie um solche „gefälschten“ Erinnerungen an Kindesmissbrauch, die in den Vereinigten Staaten unter dem Label der „Memory Wars“ bekannt wurden.

          Am Ende der Lektüre offenbaren die über den Zeitraum eines Jahrhunderts gestreuten Fälle durchaus ein Muster: Materialistische Gedächtnistheorien werden von erkenntnistheoretischen Skeptikern hartnäckig bekämpft und früher oder später zu Fall gebracht. Interessanter als das Fazit, dass sich das Gedächtnis als wissenschaftlicher Gegenstand nicht dauerhaft stabilisieren lässt, erscheinen jedoch die zutage geförderten Bündnisse zwischen Expertentum, Alltagspsychologie und Bürgerrechtsbewegungen. Die Brisanz dieser Verflechtungen erweist sich denn auch bis in die jüngste Zeit in spektakulären Fällen aus Jurisprudenz und Medizin, an denen Winters Buch so reich ist.

          Weitere Themen

          Die Fleischerfaust des Genies

          Roman über Georg Heym : Die Fleischerfaust des Genies

          Mit „Der Gott der Stadt“ schreibt Christiane Neudecker eine Hommage an den jung verstorbenen Lyriker Georg Heym. Das Werk ist gleichzeitig Künstler-, Wende- und Berlin-Roman – und fragt, was echte Genies ausmacht.

          Topmeldungen

          Der umstrittene Tesla-Gründer Elon Musk am Dienstagabend in Berlin, als er überraschend zur Verleihung des „Goldenen Lenkrads“ auftauchte.

          Auch Design und Entwicklung : Musk verspricht Berlin eine Tesla-Fabrik

          Jetzt ist es raus: Elon Musk wird seine nächste „Gigafactory“ nahe Berlin bauen. Mehr Details ließ er sich nicht entlocken. Fest steht, dass dort nicht nur produziert, sondern auch entwickelt und entworfen wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.