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Religion : Wer glauben will, zweifle

Gott ist scheu: ein Betender in einem Tempel von Sri Lanka Bild: REUTERS

Eine intelligentere Religionskritik als die des Philosophen Herbert Schnädelbach hat man selten gelesen. Ein einfühlsamer Atheist wettert hier gegen Amtsträger, die Religion als moralische Agentur verkaufen, und Religionsliebhaber, die sich nur nach ihrem Nutzwert fürs Leben befragen.

          Eine intelligentere Religionskritik als Herbert Schnädelbachs Einlassungen über „Religion in der modernen Welt“ hat man selten gelesen. Hier wird das Politikum Religion, das es mittlerweile ist, in der denkbar gründlichsten und zugleich unterhaltsamsten Art behandelt: nämlich von einem atheistischen Standpunkt aus, mit dem sich Schnädelbach (anders als etwa Dawkins) sehr einfühlsam in sein Thema hineinzudenken weiß. Der prominente Philosoph zeigt, wie viel Neues und Substantielles von der Religion freigelegt wird, wenn man sich dem Glauben zwar inwendig, aber aus der Außenperspektive nähert.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses Kunststück, absolute Betriebsferne mit hoher Einfühlung ins Thema zu verbinden, gelingt nur ganz wenigen theologischen Autoren. „Die Kompetenz, in diesem Bereich überhaupt mitzureden, wurde mir einfach zugemutet“, schreibt Schnädelbach im Vorwort, „und zwar durch das breite Echo, das meine Streitschrift ,Der Fluch des Christentums', die 2000 in der Wochenzeitung ,Die Zeit' erschienen war, in der Öffentlichkeit fand; dadurch wurde ich in die Rolle eines ernstzunehmenden Religionskritikers gedrängt, die auszufüllen ich gar nicht beabsichtigt hatte.“ Robert Leicht hatte zur „Schnädelbach-Debatte“, die auch in der Wissenschaft weite Kreise zog, seinerzeit eine instruktive Dokumentation herausgegeben.

          Gott ist scheu

          In seinem jetzt erscheinenden Buch demonstriert Schnädelbach auf durchweg verständlichem Niveau (ohne falschen Tiefsinn, mit Mut zur Oberfläche in Nietzsches Sinne!), dass das Thema Religion, wenn es nur richtig angefasst wird, das Zeug zum Gassenhauer hat und bei einem breiten Publikum auf starkes Interesse stößt. Wie ein Widerlager baut der Autor in den Glauben den Zweifel ein und befreit die Religion so aus dem Kauderwelsch und den rhetorischen Routinen der Insider. Wer glauben will, muss zweifeln: Mit leichter Hand wird Profanes mit Transzendentem in Beziehung gesetzt. So, im beständigen Abgleich mit unserer säkularen Kultur, kommt Religion als Lebensmacht recht eigentlich erst zur Geltung.

          Schnädelbach wettert gegen eine „selbstzerstörerische Tendenz“, den Glauben nur noch unter dem Gesichtspunkt zu sehen, wozu er gut ist. Als „nachdenklicher, irreligiöser Sympathisant der Religion“ findet der Philosoph diesen „leichtfertigen und gedankenlosen Umgang“ mit Religion empörend. Religion ist nur dann eine gute Therapie, wenn man sie nicht auf ihre therapeutische Funktion reduziert. Gott ist scheu, gibt der Religionskritiker Schnädelbach zu verstehen und erklärt: Sobald Gott auf seinen Nutzwert für die Lebensbewältigung festgenagelt werden soll, hört er auf, der Seele zu nutzen. Ähnlich gut vertraut wie mit den Abgründen einer religiösen Verwertungsindustrie ist Schnädelbach mit den großen Religionsdebatten unserer Tage, etwa mit jener Gewaltdiskussion, die sich an Jan Assmanns wirkmächtigem Buch über die monotheistischen Offenbarungsreligionen entzündet hatte.

          Religion als moralische Agentur

          Deftiges und Bissiges findet sich bei Schnädelbach auf beinahe jeder Seite. Herrlich die Polemik gegen den Versuch „machtbewusster Berufschristen, die normative Früherziehung der Kinder in die Hand zu bekommen“. Auch hier wieder sein Dringen auf das unterscheidend Christliche, wenn er in Abrede stellt, dass ein katholischer Kindergarten bessere Werte vermittele als ein städtischer. Amtsträgern, die ihre Religion als moralische Agentur verkaufen, empfiehlt er generell Zurückhaltung: „Das Problem ist doch nicht, dass die Menschen die ,Werte' nicht kennten oder nicht akzeptierten, sondern dass sie immer weniger wissen, was sie in unserer unübersichtlichen Welt im Konkreten bedeuten. Wer möchte denn nicht gern moralisch sein - wenigstens im Prinzip, auch wenn sich die Ausnahmen häufig lohnen -, aber es wird immer schwieriger, in komplexen Einzelfällen und erst recht in Konfliktsituationen genau zu bestimmen, wie man das macht.“

          Hier tut sich ein weites Feld für eine informierte Publizistik auf, das man laut Schnädelbach aber nicht den „Schamanen“ überlassen dürfe. Gefragt sei kein hochfahrendes theologisches Patentrezept, sondern praktische, vom Glauben angeleitete Urteilskraft. Nur so entgeht man in Zeiten wachsenden Orientierungsbedarfs dem Risiko des Fundamentalismus, das Schnädelbach - wenn auch mit unterschiedlichen Folgen - im Islam wie im Christentum angelegt sieht.

          Ob es sich um den Fundamentalismus der katholischen Piusbrüder handelt, der evangelikalen Kreationisten oder der Islamisten: immer herrscht eine überdehnte Auffassung von religiöser Identität vor, die den Eigensinn des Kulturellen überspringen und theokratisch zähmen will. Das ist eine Sicht der Dinge, wie sie uns auch im jüngsten Buch von Navid Kermani eindrucksvoll begegnet. Schnädelbach zeigt, wozu eine intelligente und passionierte Religionskritik in der Lage ist: Sie macht Religion nicht verächtlich, sondern verteidigt sie gegen ihre Liebhaber.

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