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Geschichte des Islam : Islam plus Terror greift zu kurz

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Reizthema Verschleierung: Reinhard Schulze diagnostiziert eine Modernisierung des Islams, die vom Westen stimuliert und geformt – und doch gleichzeitig behindert wird. Bild: dpa

Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze hat sein Standardwerk über den Islam im zwanzigsten Jahrhundert in überarbeiteter Fassung vorgelegt. Die Tiefenbohrung kommt zur rechten Zeit.

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          Fast ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seitdem der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze seine „Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert“ vorlegte. Er deutete damals die historischen Entwicklungen in jenem Teil der Welt als einen schwierigen Prozess der Modernisierung und nahm damit „Abschied von den Märchenländern“. Im Jahre 2002 erschien eine zweite Auflage. Nun hat er sein Werk nochmals ergänzt, erweitert, vertieft und sozusagen „runderneuert“.

          Denn seit der letzten Publikation hat sich die asymmetrische Konfrontation zwischen den Verfechtern islamischer Ideologien und dem Westen, aber auch in den islamischen Ländern selbst drastisch verschärft. Das afghanische Desaster, der „11. September“, der unselige amerikanisch-britische Krieg im Irak im Jahre 2003, der zwar Saddam Hussein stürzte, aber dort ein politisch-religiöses Machtvakuum und Chaos erzeugte, die „Arabellion“ – der Arabische Frühling – einschließlich des Schlachtens in Syrien, dessen brutaler Höhepunkt die Schreckensherrschaft des „Islamischen Staates“ (IS) ist – dies alles bedarf ergänzender Beschreibung und Analyse. Islam plus Terror greift zu kurz.

          Ein schmerzhafter Prozess

          Schulzes These von einer „islamischen Modernisierung“ und Aufklärung, die – bevor sie recht in Gang kommen konnte – auch durch den Einfluss des Westens zwar irgendwie stimuliert, doch auch behindert und in ganz bestimmter Weise geformt worden sei, blieb unter seinen Kollegen nicht unkritisiert. Andere wiederum, etwa in Frankreich der Islamwissenschaftler Olivier Roy („L’islam mondialisé, 2002; deutsch: „Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung“, 2006), nahmen sie auf und deuteten die jüngsten Verwerfungen im Islam in ebendiesem Sinne – als einen schmerzhaften, zutiefst widersprüchlichen Prozess der Auseinandersetzung mit einer unausweichlichen (Selbst-)Modernisierung und deren hauptsächlich westlicher Vorstellungswelt und den damit verbundenen Begriffen und Denkstilen.

          Die Grundstruktur hat der Autor in der neuen Fassung beibehalten. Fünf der ursprünglich sechs Kapitel hat der in Bern lehrende Orientalist um durchschnittlich zwanzig Druckseiten ergänzt, die Überschriften, einschließlich der Überschriften der jeweiligen Unterabschnitte des Buches, blieben weitgehend unverändert: Wie in der ersten und zweiten Fassung bietet Schulze eine durch Aktualisierungen aufgefrischte Tour d’horizon der Geistes-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte sowie der politischen Geschichte der islamischen Länder seit 1900. Das heißt seit dem Ende des Osmanischen Reichs und der – vor allem im Nahen Osten, doch beileibe nicht nur dort, sondern auch in Nordafrika, Indonesien und Mittelasien – massiven kulturellen und politischen „Osmose“ durch den Westen, die natürlich auch der seit Bonapartes Ägypten-Feldzug (1798) gepflegten europäischen Machtpolitik und deren „Divide et impera“ geschuldet war; über die oft turbulenten Findungsprozesse zwischen religiösem Erwachen und säkularer Erneuerung, eingespannt in den Rahmen eigener ökonomischer Möglichkeiten (Erdöl) und fremder politischer wie wirtschaftlicher Zwänge (Weltwirtschaftskrisen).

          Die letzte islamische Sozialutopie

          Eine „islamische Bürgerlichkeit“ entweder säkular gedacht oder religiös gerechtfertigt, bestimmte lange im vorigen Jahrhundert den Diskurs über eine „islamische Welt“; einen Höhepunkt erreichten Begriffe wie „islamische Nation“ etwa mit der Revolution Ajatollah Chomeinis in Iran 1979 – in einem vom Islam geprägten Land, das, wie die Türkei, doch im Unterschied zur disparaten arabischen Welt mit heute zwischen einundzwanzig und sechsundzwanzig Staaten, sprachlich und ethnisch einigermaßen homogen war. Es war, nach Schulze, die letzte islamische Sozialutopie, die zu etablieren man unternahm.

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