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Reiner Sörries: Ruhe sanft : Wenn die Reihen sich lichten

Bild: Verlag

Von der Aschestreuwiese über den Erinnerungsdiamanten bis zum Ökosarg: Die überaus lesenswerte Kulturgeschichte des Friedhofs von Reiner Sörries führt eine Bestattungskultur im Umbruch vor Augen.

          3 Min.

          Der Wiener Zentralfriedhof hatte verwilderte Ecken, in denen man wunderbar hätte herumtollen können. Aber dorthin ging es ja gerade nicht, sondern den Eltern hinterdrein zu den monotonen neuen Gräberreihen, die so endlos wirkten. Die Steine mochten die eine oder andere Abwandlung zeigen, die eingefassten Beete mit dieser oder jener robusten Bepflanzung versehen sein - man musste sich trotzdem die Nummer der Reihe einprägen, um das richtige Grab auch wirklich zu finden.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Das war vor vierzig Jahren, und wäre es einfach nach den städtischen Verwaltungen und den Kirchen gegangen, sähen Friedhöfe wohl heute noch so aus. Doch es kam anders, denn seit den achtziger Jahren zeigten sich Tendenzen, aus der Ordnung der Reihengräber auszubrechen. Aus den unscheinbaren Anfängen gingen dann unübersehbare Veränderungen der Friedhöfe hervor oder allgemeiner: der Bestattungskultur. Denn mittlerweile werden die Toten auch außerhalb der Friedhöfe beerdigt: in „Friedwäldern“ und „Ruheforsten“, wo sie unter Bäumen liegen, oder in „Hainen“, die an die Tradition der Landschaftsgärten anknüpfen. Sofern ihre Asche nicht anonym bestattet oder ausgestreut wird, zu Land oder zu Wasser, über den Bergen oder an genau bezeichneter Stelle im Meer; oder die Urne in Garten oder Haus kommt; oder die Asche zum „Erinnerungsdiamanten“ gepresst wird (wir warten darauf, ihm auf der Bühne oder im Roman zu begegnen, vorzugsweise bei erotischen Verwicklungen).

          Hinaus aus den Städten

          Über diese Wege zum postmodernen, schrittweise von einem verbindlichen christlichen und insbesondere katholischen Traditionsrahmen abgelösten Friedhof und zu alternativen Bestattungsformen geht es in den letzten Abschnitten von Reiner Sörries' „Kulturgeschichte des Friedhofs“. Sie sind genauso schnörkellos und informativ geschrieben wie die Kapitel zuvor, in denen der Theologe, Archäologe und Leiter des Kasseler Museums für Sepulkralkultur die zweitausendjährige Geschichte des abendländischen, also bis vor kurzem christlichen Friedhofs darstellt, wobei die konkreten Beispiele weitgehend aus Deutschland genommen sind. Von der Erfindung des christlichen Friedhofs, der die exklusive familiäre Totenfürsorge der Antike ablöste, zur Entstehung des Kirchhofs, zur Konfessionalisierung der Friedhöfe mit der Reformation, dann zu ihrer Übernahme durch die Kommunen im neunzehnten Jahrhundert, schließlich zur schrittweisen Säkularisierung des Bestattungswesens, das die Toten immer schneller aus dem Gesichtskreis der Hinterbliebenen und weit hinaus zumindest vor die größeren Städte brachte, die erst nach und nach wieder an sie heranwuchsen.

          Es ist eine faszinierende Geschichte, die nicht an ein Ende, sondern vielmehr wieder deutlich in Bewegung gekommen ist. Das Bestattungsgewerbe beklagt dabei gerne eine neue Entsorgungsmentalität und zielt damit auf das kostengünstige Verschwinden unterm grünen Rasen, ob nun anonym oder mit so bescheidenen Accessoires, dass jedenfalls die Pflege der Grabstätte keine Mühe und Kosten mehr verursacht. Aber diese Klage über einen vermeintlichen Verfall der Bestattungskultur ist natürlich vor allem eine über geschmälerte Einnahmen auf einem ziemlich umkämpften Markt, der mit diversen Discountangeboten reagiert.

          Individualisierung der letzten Dinge

          Sörries tritt diesem Lamento denn auch recht entschieden entgegen. Natürlich sei die Kostenfrage mit dem Wegfall des Sterbegeldes angesichts der nicht unbeträchtlichen Kosten von Grabplatz und Bestattung für viele wichtig geworden. Gleichzeitig machen höhere geographische Mobilität und veränderte soziale Verhältnisse die Aussicht attraktiv, auf die Grabpflege von Hinterbliebenen verzichten zu können. Aber der Autor sieht in den neuen Bestattungsformen viel eher eine Individualisierung der unumgänglichen letzten Dinge.

          Eine Individualisierung, die den kommunalen Friedhof modernen Zuschnitts mittlerweile bereits als Auslaufmodell erscheinen lässt. Die entlaufenden Toten führen zur Ausdünnung der Belegungen, was die wirtschaftlichen Probleme der kommunalen Friedhofsverwaltungen schärft, denen man mittlerweile durch die Hereinnahme alternativer Bestattungsformen in einen dann nur noch formell bestehenden Friedhof zu begegnen sucht: Parks, Haine und Wäldchen hinter Friedhofsmauern, immer öfter auch Gemeinschaftsgrabanlagen, die ihrerseits an alte Traditionen anschließen können, selbst wenn man etwa einen Fußballklub als einigendes Band dereinst nicht voraussehen konnte.

          Ökosarg und Schockgefrierung

          Gearbeitet wird am Trend zur ökologisch mustergültigen Bestattung, die mit Gründlichkeit angegangen wird, vom Ökosarg bis zur Garantie, die Grabplatte garantiert ohne Kinderarbeit gefertigt zu haben: Dass dem Verstorbenen die Erde leicht sein möge, bekommt in der Umkehrung, er möge der Erde und unserer Ökobilanz nicht beschwerlich fallen, einen neuen Sinn. Etwas ausgefallener anmutende Arten der ökologischen Aufbereitung wie etwa das Schockfrieren und anschließende Kompostieren der Leiche (Promession) werden nicht übergangen.

          Der Autor führt sie mit jener Sachlichkeit an, die er auch diversen esoterisch aufgemischten Übergangsriten angedeihen lässt. Nur hie und da blitzt ein wenig Ironie auf, die sich aber sehr im Zaum hält. Wohl gar nicht, weil diese letzten Angelegenheiten so ernst sind, sondern weil bei ihnen viel zu leicht auf die komische Schiene zu kommen ist. Außerdem ist über Geschmacksfragen auch und erst recht im Todesfall nicht zu streiten, solange die Leute dafür selbst bezahlen. Das ist wie im Leben, nur insofern diskreter, als zumindest immer noch "Stille" und "Friede" den finalen Ausschlag geben. Und darauf wird ja hoffentlich nicht verzichtet werden können.

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