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Reiner Sörries: Herzliches Beileid : Trauer muss man leben, nicht konsumieren

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Bild: Verlag

Die Toten haben es leichter, aber an den Lebenden ist es, eine Form des Gedenkens zu finden: Reiner Sörries schreibt eine Kulturgeschichte der Trauer.

          3 Min.

          Merkwürdig eigentlich, dass es für das vielfältige Phänomen der Trauer im Deutschen nur ein einziges Wort gibt. Um die Reaktionsweisen auf den Verlust eines Menschen, die grundlegende Form der Trauer, näher zu beschreiben, fehlt mindestens ein weiteres Wort. Das Englische dagegen unterscheidet zwischen „grief“ und „mourning“ und markiert so die Differenz zwischen dem persönlich-emotionalen Aspekt, den „grief“ umschreibt, sowie dem sozialen und kulturellen.

          Damit ist eine grobe Systematik nahegelegt, an der sich auch eine vor allem historische Darstellung des Phänomens zu orientieren vermag. Entsprechend beschreibt Reiner Sörries, Professor für Christliche Archäologie in Erlangen und Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, in seinem Buch, das laut Untertitel „Eine Kulturgeschichte der Trauer“ geben soll, sowohl die Trauernormen als auch die psychischen Aspekte im Wandel der Zeit.

          Trauerzeit und Pflichten des Alltags

          Vor 120.000 Jahren lässt Sörries diese Geschichte beginnen, in der Annahme, dass es erst dann eine ritualisierte Trauer gab, als man anfing, die Toten zu bestatten. Die längste Zeit standen die Riten im Vordergrund und gaben vor, wie mit Todesfällen umzugehen war, schon deshalb, weil der Verlust ein gemeinschaftlicher war und nicht nur in einer einzelnen Familie eine Lücke zu füllen war. Die subjektiven und individuellen Aspekte treten dagegen erst im neunzehnten Jahrhundert wirklich deutlich hervor.

          Sörries belegt, wie auch abergläubische Elemente überdauerten und sich mit einer christlich geprägten Lebens- und Bestattungspraxis verbanden: Dass der Tote noch heute mit den Füßen voraus aus dem Haus zu tragen und bei einer konventionellen Beerdigung der ins Grab gesenkte Sarg von den Trauergästen mit einigen Schaufeln Erde zu bedecken ist, soll die Endgültigkeit des Lebensendes bezeugen, den Übergang in einen anderen Zustand - und sollte eine Rückkehr verhindern.

          Machte man dem Toten etwa durch die Möglichkeit eines Blicks aufs eigene Zuhause und die Familie den Abschied schwer, so befürchtete man laut Sörries ebenfalls, er könnte zum Wiedergänger werden. Die Trauerzeit war klar geregelt und durch entsprechende Kleidung sichtbar, danach galt es, sich wieder den Pflichten des Alltags zu widmen.

          Neue Trauerkonventionen

          Vom sozialen Wandel blieb auch die Trauerkultur nicht unberührt. Mit dem Wachstum der Städte wurden umgekehrt die jeweiligen Trauergemeinden kleiner. Die Vermögensverhältnisse spielen bis heute eine bedeutsame Rolle, wenn es um Trauerfeiern und Grabstätten geht. Und wer nur ein oder jedenfalls wenige Nachkommen hatte, trauerte um ein totes Kind mehr und anders als Eltern vieler Kinder, zumal dann, wenn materielle Nöte diesen stets auch andere Sorgen bewusst hielten. Dagegen scheint man heute, in der viel beschworenen Postmoderne mit ihrem Wahlspruch „anything goes“, zu trauern, wie man will und wo man es für richtig hält. Zuweilen kehren alte Formen in neuer Gestalt wieder, Gedenkkreuze an Orten von tödlichen Verkehrsunfällen erinnern an die alten Marterln, die Vorübergehende aufforderten, für das Seelenheil der hier Verunglückten zu beten.

          Die Beispiele für die aktuelle Individualisierung der Trauer beginnen bei Feierlichkeiten mit popmusikalischer Untermalung und führen über professionelle Trauerbegleitung mit gelegentlichen Überpointierungen, wonach, gleichsam existenzphilosophisch fundiert, die rechte Trauer erst zum eigentlichen (individuellen) Lebenskern führe. Nicht zuletzt findet sie Ausdruck in allerlei Trauerseiten und -foren im Internet. Auch neue Trauerkonventionen prägen sich aus, wie das kollektive oder gar globale Gedenken am Weltaidstag, nach Amokläufen oder dem Tod von Prominenten wie Lady Di oder Steve Jobs.

          In das Leben zurückführen

          In der strittigen Frage, ob die Trauer eine anthropologische Konstante markiert, will sich Sörries in seiner materialreichen, gelehrten und gut verständlichen Darstellung nicht festlegen. Zunächst und vor allem ist das Trauern für ihn ein kulturell erlerntes Handeln, dessen Funktion sich aufzeigen lässt, ohne eigentlich die Frage der Substanz zu klären. Das beschreibbare Wie erlaube nur unzureichend Aufschlüsse auf das Warum, ist er überzeugt. Kein Zufall auch, wenn Sörries seinem Buch ein Heidegger-Wort voranstellt, wonach es dem „Sinn der Trauer“ widerspreche, sie be- oder ermessen zu wollen, weil so die „Trauer als Trauer“ von vornherein ausgeschaltet würde.

          Dennoch ist ihr „Sinn“, nämlich ihre Funktion, für Sörries deutlich: Er besteht darin, ins Leben zurückzuführen, weswegen er auch häufiger seine Sympathie für die ritualisierte Trauer durchschimmern lässt, die einem zuweilen regelrecht pathologischen Nicht-Loslassen-Können vorzubeugen vermag.

          „Vergötzung der Trauer“

          Dass körperliche Anzeichen der Trauer wie gesenkter Kopf und hängende Schultern als natürliche Unterwerfungsgesten gelesen werden und somit Schutz bieten können, erwähnt der Autor ebenso wie den Umstand, dass der Begriff der Pietät bislang kaum ethisch reflektiert worden sei, was wohl beides in Hinsicht einer (anthropologischen) Theorie der Trauer zu vertiefen möglich wäre. Eine solche Theorie könnte zudem berücksichtigen, dass es auch bei Tieren Anzeichen für Trauer gibt. Das gleichfalls lediglich miterwähnte Phänomen der Melancholie könnte ebenso in sie hineinspielen.

          Sein Unbehagen darüber, dass Trauer heute oft nicht mehr gelebt, sondern konsumiert werde und es überhaupt zuweilen „zu einer Vermarktung oder sogar zu einer Vergötzung der Trauer“ komme, artikuliert Sörries durchaus. Doch das lässt ihn nicht an einer grundlegenden Einsicht zweifeln: „Nicht die Trauer ist der Skandal, sondern der Tod.“ Ihm den rechten Ort im Leben zu geben, um ihn weder zu verdrängen noch als ständige Bedrohung zu stark zu akzentuieren, dazu trägt Sörries mit seinem lesenswerten Buch bei. Klar wird dabei auch, was das „eigentlich Traurige an der Trauer“ ist, dass nämlich so viel „Tod und Trauer selbst gemacht und selbst verschuldet sind“.

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