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Reflexionen zur Synthetischen Biologie : Dann lasst uns einen neuen Baum des Lebens pflanzen

  • -Aktualisiert am

Mit anderer DNA geht’s vielleicht auch: Ein Sammelband über Chancen und Risiken der Synthetischen Biologie.

          Leben aus unbelebter Materie schaffen: Dieses Projekt steht als Verheißung und Menetekel zugleich über der Synthetischen Biologie, so Joachim Boldt, Mitherausgeber eines neuen Sammelbandes. Auf absehbare Zeit wird das Projekt sich nicht realisieren lassen. Dennoch biete die frühe begleitende Diskussion über Technikfolgen, Recht und Moral die Chance, dass die weitere Entwicklung der Synthetischen Biologie sich, anders als die Gentechnik, auf einen gesellschaftlichen Konsens stützen kann.

          Die Synthetische Biologie ist noch lange keine echte Ingenieurswissenschaft, meinen auch Sonja Billerbeck und Sven Panke, die in ihrem Beitrag Grundbegriffe und den Stand der Forschung erklären. Ein zentraler Begriff ist die Orthogonalität: Für die Synthetische Biologie wäre viel gewonnen, wenn es gelänge, Elemente in einen (Mikro-)Organismus einzubringen, ohne dass diese mit dem Rest des Organismus unerwartete Wechselwirkungen eingehen. Auch die leidige Eigenschaft der Organismen, sich ständig zu verändern und frisch eingebrachte Bauteile im großen Prozess der Evolution bis zur Unkenntlichkeit zu verändern, macht den Synthetikern das Leben schwer. Das Verhalten technisch erzeugter Biosysteme ist und bleibt „noisy“, so bringt es Kristian Köchy auf den Punkt.

          Desaströse Konsequenzen oder sicherere Welt?

          Die Autoren des Bandes reflektieren gut lesbar die ganz verschiedenen Bereiche, in denen die Synthetische Biologie das Leben in Zukunft beeinflussen könnte: von dem Grundsatzproblem, dass man vielleicht nicht verstehen kann, was man nicht zu bauen vermag, man aber auch nicht alles, was man bauen kann, deshalb schon versteht, bis zu der alarmistischen Frage, ob die menschliche Art noch vor ihren eigenen Manipulationen zu retten sei.

          Gregory E. Kaebnick weist - außer auf die viel diskutierten Aspekte von Biosecurity und Biosafety - auf die möglichen makroökonomischen Folgen der biotechnologischen Entwicklungen hin: Eigentumsrechte an synthetisch-biologischen Produktionsmitteln könnten in den Händen weniger Unternehmen konzentriert die bestehenden Industrien verdrängen; noch mehr Wohlstand in noch weniger Händen wäre die Folge. Da aber auch die bestehenden industriellen Methoden desaströse Konsequenzen zeigen, könnten wir am Ende mit einer vernünftig organisierten Synthetischen Biologie dennoch besser bedient sein. Vielleicht, meint Markus Schmidt, werden die im Vergleich zur Gentechnik umfassenderen Veränderungen, die die Synthetische Biologie an Lebewesen vornimmt, die Welt sogar sicherer machen. Denn sollte es gelingen, einen neuen Baum des Leben zu pflanzen, mit Organismen, deren DNA mit jener der bestehenden Organismen nicht mehr kompatibel ist, wären wir durch eine genetische Firewall vor den Kreaturen der Synthetischen Biologie geschützt.

          Haben synthetisierte Wesen eine Würde?

          Auf jeden Fall, so Armin Grunwald, vermindert die Synthetische Biologie die Angewiesenheit auf das von Natur aus Vorgegebene, schafft Handlungsoptionen und damit Entscheidungsfreiräume und Orientierungsbedarf. „Grenzmanagement“ nennt er den Versuch, wissenschaftlich-technische Möglichkeiten und den demokratischen Dialog über diese zu organisieren.

          Die Versuche, den potentiellen Schöpfungen der Synthetischen Biologe mit klassischen philosophischen Topoi beizukommen, wirken dagegen selbst ein wenig naiv: Natürlich hätten auch vom Menschen synthetisierte Wesen eine Würde, so Nikolaus Knoepffler und Kathleen Börner. Da diese allerdings bei Mikrooorganismen geringer zu werten sei als die des Menschen, sei es nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten, synthetische Organismen herzustellen, wenn diese dem Menschen etwa als Medikamente nützen können. Überhaupt sei die Schaffung von Lebewesen lebensbejahend und damit positiv zu werten.

          Peppiger kommt da schon die Theologie daher, die eventuell von Gewissenskonflikten heimgesuchte Biologen damit zu beruhigen versteht, dass „Gott spielen“ im Repertoire der Sündenlehre nicht zu finden sei, nur „wie Gott sein“. Da der Mensch aber nie wie Gott schöpferisch sein könne, müsse eher gefragt werden, ob nicht kleinmütig von Gott denkt, wer den Synthetischen Biologen solches zutraut. Synthetische Biologie zu betreiben ist also keine exklusive Verfehlung des menschlichen Auftrags, so Peter Dabrock. Da werden die Forscher erleichtert aufatmen. Im Übrigen, so Dabrock, könnten die immensen technischen Probleme, mit denen die Synthetischen Biologen zu kämpfen haben, gerade dazu führen, den Respekt vor der Schöpfung zu stärken.

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