https://www.faz.net/-gr3-s0ku

: Reden wir über Guantánamo

  • Aktualisiert am

Aufklärung ist auch eine Frage des Datums. Über das im fünften Jahr bestehende Gefangenenlager in der amerikanischen Militärbasis Guantánamo auf Kuba ist sich die Weltöffentlichkeit seit langem einig: Dieses Lager muß geschlossen werden, eher heute als morgen. Guantánamo ist eine rechtlose Zone, in ...

          3 Min.

          Aufklärung ist auch eine Frage des Datums. Über das im fünften Jahr bestehende Gefangenenlager in der amerikanischen Militärbasis Guantánamo auf Kuba ist sich die Weltöffentlichkeit seit langem einig: Dieses Lager muß geschlossen werden, eher heute als morgen. Guantánamo ist eine rechtlose Zone, in der größtenteils willkürlich aufgegriffene Leute auf unbestimmte Zeit festgehalten und mit Methoden verhört werden, die auf Folter hinauslaufen. Das ist inzwischen Allgemeinwissen auch in Amerika. Und diesen Stand des Allgemeinwissens hat in der vergangenen Woche noch einmal ein Bericht der UN-Menschenrechtskommission festgehalten. UN-Generalsekretär Annan schloß sich der Kommissionsforderung nach Schließung des Lagers mit der Bemerkung an, in keinem Rechtssystem könne man Gefangene auf unbestimmte Zeit wegsperren. Sie müßten Gelegenheit haben, sich zu verteidigen, und entweder strafrechtlich verfolgt oder freigelassen werden. Und auch die regierungsamtliche Antwort ist Teil des bekannten Rituals: Das Weiße Haus wie auch Verteidigungsminister Rumsfeld wiesen die Forderung nach Schließung des Lagers zurück - im Stil der in dieser Sache üblichen Rhetorik von Propaganda und Desinformation.

          Roger Willemsen hat also recht, wenn er sagt: "Über Guantánamo ist alles gesagt." Warum er jetzt trotzdem mit der Emphase des Aufklärers ein Buch über Guantánamo veröffentlicht ("Hier spricht Guantánamo." Roger Willemsen interviewt Ex-Häftlinge. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2006. 237 S., br., 12,90 [Euro]), begründet er so: "Über Guantánamo ist alles gesagt. Bis auf das, was die Häftlinge zu sagen haben." Fünf der Häftlinge, die aus Guantánamo entlassen wurden, hat Willemsen unter Vermittlung von "Amnesty International" in ihrer Heimat aufgesucht und interviewt. Ihre Berichte, um es knapp zu sagen, bestätigen den gegen Guantánamo erhobenen Vorwurf der Mißhandlung in allen Abstufungen. Es sind Berichte, wie sie im Kern schon aus vielen Veröffentlichungen bekannt sind, aus Büchern, aber auch aus Medienberichten, aus internen Dokumenten des Roten Kreuzes wie des FBI. Besonders aussagekräftig, weil mit anderen Quellen zum Lager abgeglichen, kamen Ex-Häftlinge von Guantánamo bislang in dem Buch des britischen Journalisten David Rose zu Wort ("Guantánamo Bay". Amerikas Krieg gegen die Menschenrechte. Aus dem Englischen von Ulrich Enderwitz und Monika Noll. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004. 192 S., br., 14,90 [Euro]). Rose hat tatsächlich alles zusammengetragen, was man über Guantánamo wissen kann, er bietet eine um Einordnung bemühte quellenkritische Analyse, um so mehr Durchschlagskraft hat seine Kritik.

          So könnte man Willemsens Häftlingsgespräche als eine weitere instruktive Anmerkung zu Guantánamo würdigen, wenn da nur nicht selbst bei dieser Materie der Willemsensche "Hoppla jetzt komm ich"-Ton durchklingen würde. Nimmt man das Vorwort und die Vorstellung des Buches ernst, dann liest sich der Titel "Hier spricht Guantánamo" wie "Hier spricht Willemsen". Der Autor präsentiert sich als mutiger Enthüllungsjournalist zu einer Zeit, in der wenn nicht alles, so doch vieles auch von dem schon gesagt wurde, was die Häftlinge zu sagen haben. Nicht, daß wir nicht dankbar wären für Willemsens Buch. Doch wie gesagt, Aufklärung ist auch eine Frage des Datums. Wohler wäre uns gewesen, wenn der Autor mit seiner Guantánamo-Kritik zu einem Zeitpunkt hervorgetreten wäre, als diese Kritik noch etwas kostete, als in Amerika noch one vote, one war galt und die europäische Öffentlichkeit den Krieg gegen den Terror noch nicht so einhellig als politische Chimäre duchschaute wie heute. Es ist ja richtig, was Willemsen im Vorwort schreibt: "Manchmal wanderten die Bulletins der US-Regierung zu Guantánamo so kritiklos adaptiert in die Tagespresse wie die Verlautbarungen ihres Generalstabs zu Golfkriegszeiten." Nur wird dieser Befund aus der Vergangenheit entwertet, wenn er in der Gegenwart dazu herhalten soll, daß sich ein Roger Willemsen als einsamer Kritiker in ansonsten trostloser Medienlandschaft ausruft.

          Man könnte den Spieß also auch umdrehen und Willemsens Buch das richtige Buch zur falschen Zeit nennen. Heute geht es eigentlich nicht mehr um Erfahrungsberichte von Ex-Häftlingen. Heute geht es um die Überprüfung solcher hinreichend bekannter Berichte im Lager selbst. Er habe viele Anschuldigungen gehört, aber er wolle das endlich auch in Guantánamo selbst überprüfen, erklärte in diesem Sinne kürzlich Manfred Nowak von der UN-Menschenrechtskommission. Er hat bestimmte Häftlinge im Blick, von denen er sich Aufschluß verspricht, sowie Gespräche mit Soldaten und Sicherheitsbeamten, um deren Antworten auf die dokumentierten Vorwürfe zu hören.

          Doch werden Nowak und seiner Kommission der freie Zugang zu den Häftlingen bis heute verwehrt, weswegen sie die Alibi-Einladung Bushs nach Guantánamo auch gar nicht erst angenommen haben. Hier also wäre der Ansatzpunkt, um die Aufklärung über Guantánamo voranzutreiben. Die Erkenntniskritik, mit der Willemsens Buch arbeitet, begnügt sich mit ermäßigten Maßstäben: "Das Gros der hier ausgebreiteten Informationen ist nicht nachrecherchierbar." Deshalb würde sich so ein Buch sicherlich leichter lesen, wenn es den Mund nicht gar zu voll nähme.

          CHRISTIAN GEYER

          Weitere Themen

          Goethes Aufklärer

          W. Daniel Wilson wird 70 : Goethes Aufklärer

          Er stellt sich mit seinen Schriften respektvoll gegen eine Verklärung der Weimarer Klassik und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Forschung. W. Daniel Wilson zum Siebzigsten.

          Topmeldungen

          Wachstumsgeschichte: Die Eschborner „Skyline“ entstand nach dem neuen Rathaus und der „kleinen Ortsumgehung“ Rödelheimer Straße.

          Eschborn : Vom „armen Kaff“ zur Boomtown

          Ein Trip durch Amerika war der Ausgangspunkt für den Aufstieg des kleinen Frankfurter Nachbarn Eschborn. Ein Mann hat maßgeblich dafür gesorgt, dass aus einem Dorf eine wohlhabende Kommune geworden ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.