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: Recht ist zum Wissen da

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An den juristischen Fakultäten ist es heute intellektuell noch langweiliger geworden, als es die längste Zeit schon gewesen ist? Alexander Somek tritt an, um mit seinem ehrgeizigen Buch zu zeigen, daß es auch anders geht. Wenn Anfänger zu Beginn eines Buches laut mit den Waffen klirren und freimütig Kampfansagen ...

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          An den juristischen Fakultäten ist es heute intellektuell noch langweiliger geworden, als es die längste Zeit schon gewesen ist? Alexander Somek tritt an, um mit seinem ehrgeizigen Buch zu zeigen, daß es auch anders geht. Wenn Anfänger zu Beginn eines Buches laut mit den Waffen klirren und freimütig Kampfansagen herausposaunen, darf man darauf gefaßt sein, daß am Ende alles beim alten bleibt. Der abgebrühte Leser ahnt es schon: Die versprochenen Innovationen in Gegenstand und Methode werden ausbleiben, und am Ende verbrüdert sich der Verfasser noch mit den abgeschmacktesten Gemeinplätzen des Fachs. Alexander Somek, der von der ersten Seite an effektvoll polemisiert, ist kein Anfänger der Rechtstheorie, und das hier ist keine Erstlingsschrift.

          Someks Buch handelt von der Rechtstheorie, also einem sogenannten Grundlagenfach der Rechtswissenschaft. Das Werk bietet eine ausgewogene Mischung aus den Selbstbeobachtungen eines leidenschaftlichen Vertreters dieser Disziplin, der schon als Mittvierziger eine ungewöhnliche intellektuelle Biographie hinter sich hat, und Fallstudien, in denen Somek seine zuvor verkündeten Programmsätze mit Geschick einzulösen sucht. Der Charme aller seiner Beweisführungen liegt in der Schärfe seines Gedankens, der sich souverän beherrschter Argumente sowohl aus verschiedenen Bereichen des Rechts als auch aus praktischer Philosophie, Soziologie und der Ökonomie bedient. Hier räsoniert ein ganz eigenständiger Kopf, der sich an zunehmend größeren Werkstücken erprobt.

          Somek hat dabei ein starkes Anliegen, mit dem er den Leser frontal überfällt. Würde er später seine Versprechungen nicht halten, er hätte sich durch seine Abgrenzungsrhetorik unrettbar ins Zwielicht des Prätentiösen gesetzt. Denn Someks Ausgangspunkt ist eine heikle Selbstinszenierung. Die Rechtstheorie erscheint in seinem Buch als ein seitens der Juristen entbehrlich erlebtes Fach, dem zudem an den Universitäten die Abschaffung drohe. Die isolierende Frontstellung, mit der er kokettiert, ist also mindestens eine zweifache: Theorie gegen die fehlenden substantiellen Reflexionen der Rechtspraktiker, und - noch schärfer formuliert - Rechtstheorie gegen die an den Universitäten vermittelte affirmative Rechtsgelehrsamkeit.

          Im Ton geht Somek deutlich über das hinaus, was man an disziplinärer Wehklage juristischer Grundlagenforscher gewohnt ist. Der von Wien nach Iowa gelangte Rechtslehrer schreibt: "An der Universität wird gelehrt, weil dies um der Anstellung willen unvermeidbar ist. Die Forschung dient vorzugsweise der Produktion didaktischer Materialien, mit denen sich an der Massenuniversität so manch ansehnliche Rente beziehen läßt. Seitdem der Unternehmer-Professor zum Standardmodell geworden ist, ist es an den Juristischen Fakultäten intellektuell noch langweiliger geworden, als es ohnedies schon die längste Zeit gewesen ist." Besondere Hiebe erfährt die Rechtswissenschaft für ihren zunehmenden Verzicht auf Philosophie. Nicht minder wird die Rechtspraxis abgewatscht, über die Somek aus jenen Begegnungen im Rahmen einer Trierer Richterakademie erfahren hat, daß wer Rechtstheorie mache, nicht dazugehöre.

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