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Raymond Becker u.a. (Hrsg.): ,Neue' Wege in der Medizin : Die Patienten machen der Forschung Beine

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Bild: Verlag

Was ist dran an der Alternativmedizin? Wann kann man die Wirksamkeit von Naturheilverfahren behaupten? Wie lässt sich der Forschungsbedarf befriedigen? Ein wegweisendes Buch antwortet auf diese und andere Fragen.

          5 Min.

          Nach einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahre 2002 tun es weit über sechzig Prozent der Männer und knapp achtzig Prozent der Frauen, nämlich die regelmäßige oder gelegentliche Inanspruchnahme von Naturheilverfahren. Ein boomender Markt mit mehr als 400 unkonventionellen Naturheilverfahren bietet dem von Krankheit, Störungen des körperlichen und seelischen Wohlbefindens geplagten Zeitgenossen alles, was seiner Gesundheit und seinem Wohlbefinden zuträglich und seinem Geldbeutel zumutbar ist. Das Angebot reicht von „A“ wie Ayurveda bis „Z“ wie Zen, von der Bachblütentherapie und Homöopathie, von Raiki, Qi Gong bis zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Sechzig Prozent der an Krebs erkrankten Patienten werden zusätzlich zu den klassischen onkologischen Therapien mit Naturheilmitteln behandelt.

          Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts führt knapp ein Zehntel aller Ärzte, das sind etwa 35 000 Kollegen, Zusatzbezeichnungen wie „Homöopathie, Akupunktur, Naturheilverfahren“ auf ihrem Praxisschild. 50 000 an Krebs erkrankter Patienten unterzogen sich 2006 einer Misteltherapie. Diese Behandlungsform stellt neben der sogenannten anti-östrogenen Langzeittherapie bei Brustkrebs die häufigste onkologische Langzeittherapie überhaupt dar. Allein der Umsatz für TCM in Deutschland wird auf 3,2 Milliarden Euro jährlich mit steigender Tendenz geschätzt und übertrifft damit beispielsweise die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für die Fachgebiete Hals-Nasen-Ohren oder Gynäkologie.

          Schon Friedrich der Große sprach sich für die Therapiefreiheit aus

          Bei näherem Hinsehen fällt jedoch die Kluft zwischen der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz und Nachfrage nach diesen naturheilkundlichen Verfahren auf der einen Seite und dem dürftigen wissenschaftlichen Kenntnis- und Erfahrungsstand über diese Heilverfahren auf der anderen Seite auf. Mit dieser Thematik beschäftigt sich das vorliegende Buch, das die Ergebnisse einer wegweisenden Fachtagung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften verarbeitet.

          Es wäre, so schreiben die Herausgeber, wirklichkeitsfremd, Naturheilverfahren, die ja gar keine Alternative zur klassischen Medizin darstellen können, in Bausch und Bogen als Scharlatanerie zu verdammen. Der Band diskutiert die Frage, wo möglicherweise therapeutisch sinnvolle Schnittmengen mit der klassischen Schulmedizin bestehen könnten und in welche Richtung Forschungsbedarf über die komplementären Heilmethoden bestehen könnte. Schon Friedrich der Große sprach sich in einem Erlass aus dem Jahre 1744 für die Therapiefreiheit aus, und in einem Gutachten der Juristischen Fakultät der Universität Leipzig von 1830 wurde dem Staat jedes „wissenschaftliche Richtertum“ abgesprochen. Es müsse dem Arzt und dem Kranken die Wahl „des Systems der Medicin frei bleiben“, eine weise und in den derzeitigen heftigen Verteilungskämpfen auf dem modernen Gesundheitsmarkt durchaus bedenkenswerte Auffassung.

          Das Spektrum der klassischen Naturheilverfahren

          Hinzu kommt, dass sich das Krankheitspanorama geändert hat. Das Megathema heute und noch mehr in naher Zukunft werden die chronischen Erkrankungen alter Menschen sein sowie die zivilisatorischen Stigmatisierungen in Gestalt von Erkrankungen aus dem Kreis der „neuen Morbidität“. Dazu gehören beispielsweise Depressionen, „Burn-out“-Syndrome, somatoforme Schmerzsyndrome - allesamt Erkrankungen, für die die wissenschaftliche Medizin bislang keine beziehungsweise noch keine wirksamen Therapien anzubieten hat. Wen wundert es also, wenn in Zeiten von ökonomisch getakteten Behandlungen, von Fallpauschalen sowie einer Fünf-Minuten-Medizin viele Menschen geduldiges Zuhören und Erleichterung in alternativmedizinischen Heilprogrammen suchen?

          Schon 1849 wurde das Royal London Homoeopathic Hospital gegründet. Ein Praxisbericht von Peter Fischer beleuchtet das breite Spektrum von komplementären Behandlungsweisen in dieser Einrichtung, wobei die namensgebende Homöopathie dort heute nur noch vierzig ausmacht. Thomas Rudolph und Wolfgang Hesse schildern die Arbeit eines Akutkrankenhauses am Beispiel des Charlottenstiftes Stadt Oldendorf. Ein interdisziplinäres Team von Ärzten, Psychologen, Tuina-, Physio- und Ernährungstherapeuten ist hier tätig. Das Spektrum der angebotenen klassischen Naturheilverfahren reicht von Physiotherapie, Hydrotherapie, Bewegungstherapie, Ernährungstherapie bis zur TCM mit chinesischer Arzneimitteltherapie, Akupunktur, Tuina (chinesische manuelle Therapie), Qi Gong/Tai Chi und chinesischer Diätetik. Die Effektivität dieser ergänzenden Therapie wurde in einer randomisierten kontrollierten prospektiven Langzeitstudie geprüft, deren Ergebnisse in Kürze veröffentlicht werden sollen.

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