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Kunstraub im Zweiten Weltkrieg : Sie hielten die Deutschen für ein Kulturvolk

Während der Leningrader Blockade bereiten Museumsleute die Evakuierung von Kulturgüter vor. Bild: Picture-Alliance

Die deutschen Experten, die im Zweiten Weltkrieg die Kunstbeutezüge organisierten, glaubten, Sowjetrussland sei barbarisch. Manche änderten später ihre Meinung. Eine überfällige Studie widmet sich den Kulturgutverlusten der russischen Museen.

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          Allzu lange war die Debatte um die infolge des Kriegs verlagerten Kulturgüter, kurz Beutekunst, zwischen Deutschland und Russland von der Aufrechnung der Verbrechen der jeweiligen Gegenseite bestimmt. Die deutsche Seite postuliert, die Konfiskation deutscher Kunstschätze durch die Sowjetarmee nach 1945 habe gegen internationales Recht verstoßen, die russische Seite beharrt auf ihrem Recht der Selbstkompensation für Kunstraub und -zerstörung durch die deutschen Besatzer. Eine bündige Darstellung der russischen Verluste, vor allem mit Berücksichtigung späterer Rückführungen, stand aber noch aus.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese Lücke wird nun am Beispiel der Zarenschlösser bei Leningrad sowie der nordwestrussischen Städte Novgorod und Pskov durch eine von der Kulturstiftung der Länder und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz herausgegebenen Studie geschlossen, die nicht nur die Dramen von Okkupation, Plünderung, Evakuierung an bisher unbekanntem Material rekonstruiert, sondern auch wichtige Akteure auf beiden Seiten anhand von persönlichen Aufzeichnungen und Briefen vorstellt.

          In der von der Volkswagenstiftung geförderten, mit historischen Fotos reich illustrierten Publikation zeigen die Historikerinnen Corinna Kuhr-Korolev, Ulrike Schmiegelt-Rietig und ihre russische Kollegin Elena Zubkova die technische Überlegenheit und das Überlegenheitsbewusstsein der Deutschen einerseits und die Not der russischen Museumsleute andererseits, von denen einige mit dem Feind kollaborierten, um ihre Schätze zu retten. Das Buch macht aber auch deutlich, dass im Chaos des Krieges die Grenze zwischen Raub und Rettung manchmal fließend war.

          Sowjetische Maschinengewehreinheiten bei der Rückeroberung der Zarenresidenz Puschkin im Januar 1944

          Die russischen Museen waren leidgeprüft. Nach dem Oktoberumsturz hatte die Sowjetmacht erklärt, die verstaatlichten Kunstsammlungen schützen zu wollen, ließ aber doch wichtige Kulturschätze verkaufen, um die Staatskasse zu füllen. Von den Pionieren der säkularen Museumsarbeit landeten einige unter Stalin im GULag. Nach dem deutschen Angriff konnten die Museen im Nordwesten nur einen Bruchteil ihrer Bestände evakuieren. Und auch davon schaffte es nur ein Teil ins vergleichsweise sichere Hinterland im Ural oder in Sibirien. Viele Transporte kamen nur bis Leningrad, wo die Kunstwerke und ihre Hüter in der zum Museum umfunktionierten Isaakskathedrale untergebracht wurden. Dort verhungerten etliche Kustoden während der Blockade.

          Die deutschen Experten, die den Kunstraub organisierten, hielten Sowjetrussland für barbarisch. Im besetzten Nordwestrussland spielte der Kunstschutz der Wehrmacht die Hauptrolle, insbesondere der Kunsthistoriker und langjährige Kustos des Frankfurter Städel-Instituts Ernst Otto Graf zu Solms-Laubach (1890 bis 1977), der innerhalb der Militärverwaltung eine Einheit für den Kunstschutz aufbaute und den Abtransport des Bernsteinzimmers aus dem Katharinenpalast in Puschkin organisierte. Ihm arbeitete der Kunsthistoriker Werner Körte (1905 bis 1945) zu, ein überzeugter Nationalsozialist, der angesichts der „asiatischen“ russischen Einöde die Barockresidenzen umso mehr bewunderte und in ihnen deutschen Formwillen zu erkennen glaubte.

          Körte zeigte sich jedoch auch beeindruckt von den Restaurierungsleistungen der „Roten“ und vermerkte, dass die Deutschen das sowjetische Bildungsniveau völlig unterschätzt hätten. Und als er später in Pskov altrussische Ikonen inventarisierte, gestand er, diese mittelalterlichen Meisterwerke hätten sein kulturhistorisches Weltbild gründlich erschüttert.

          In den Schnee gestürzt: Eine Statue im von der Roten Armee befreiten Novgorod

          Der Kunstschutz, der, wie Solms erklärte, Kulturgüter vor Kriegszerstörungen bewahren sollte, verfolgte offensichtlich auch eigene Sammelinteressen und wollte womöglich obendrein andere NS-Behörden daran hindern, sich Kunstschätze anzueignen. Dazu gehörte das Sonderkommando Künsberg, das formell dem Auswärtigen Amt, dann faktisch der SS unterstand, und vor allem Akten und Altertümer suchte. Künsberg-Leute nahmen aus Schloss Pavlovsk die kostbare Rossi-Bibliothek mit. Aktiv war auch der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), der nach Kulturgut fahndete und aus der Zarenresidenz Gattschina eine Sammlung von Porträtgemälden, aber auch sowjetische Filme abtransportierte. Der von Hermann Göring protegierte ERR verfügte später über die Pavlovsker Bücher und schenkte hundert davon dem ehemaligen Botschafter Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, wohl als Trost für seine in Russland zurückgelassene Bibliothek. Schulenburgs Nachkommen schickten die Bücher erst 2013 zurück nach Pavlovsk.

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