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: Ratzinger im Bahnhofsbuchladen

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Theologie und Theologisierendes haben derzeit Konjunktur auf der Bestsellerliste. In der Belletristik hält sich Dan Brown mit seinen Schmökern "Sakrileg" und "Diabolus" (beide Lübbe) beharrlich an der Spitze. Bei den Sachbüchern liegt Peter Hahnes "Schluß mit lustig" (Johannis Verlag) in der Käufergunst weit vorn.

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          Theologie und Theologisierendes haben derzeit Konjunktur auf der Bestsellerliste. In der Belletristik hält sich Dan Brown mit seinen Schmökern "Sakrileg" und "Diabolus" (beide Lübbe) beharrlich an der Spitze. Bei den Sachbüchern liegt Peter Hahnes "Schluß mit lustig" (Johannis Verlag) in der Käufergunst weit vorn. Hahne hat für diesen Trend eine einfache Erklärung, wie ja auch sein ganzes schmales Buch aus lauter einfachen Erklärungen besteht: "Unsere rat- und rastlose Zeit hungert nach Maßstäben und Orientierung. Wer sie bringt, liegt im Trend." Womöglich ist ja alles noch eine Drehung simpler, als Hahne sich träumen läßt: Unsere rat- und rastlose Zeit hungert nach Prominenz, mit der sie sich im Medium ihrer Bücher identifizieren kann - gleichviel, ob die Bestsellerautoren dann Peter Hahne, Jürgen Todenhöfer, Desiree Nick, Rolf Bossi, Susanne Fröhlich oder Benedikt XVI. heißen. Vor dem Promi-Effekt sind alle Autoren gleich, egal, wie kraß sich die Qualität ihrer Bücher voneinander unterscheiden mag.

          Daß die Liste der bestverkauften Sachbücher im Augenblick so viel Theologisches enthält, hat statistisch vor allem mit Joseph Ratzinger zu tun. Die Bücher des neuen Papstes sind über Nacht Verkaufsschlager geworden, sie liegen wie sonst nur das "Dschungelkind" oder "Simplify your life" an der Kasse im Bahnhofsbuchhandel, auch in dieser Woche sind gleich drei Ratzinger-Bücher unter den zwanzig Spitzentiteln - "Aus meinem Leben" (Deutsche Verlagsanstalt), "Glaube, Wahrheit, Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen" (Herder) sowie der frühe Klassiker "Einführung in das Christentum" (Kösel). Ratzinger hat gut einhundertdreißig theologische Bücher und Schriften verfaßt. Wenn die jetzt alle für ein breiteres Publikum wiederentdeckt werden sollten, dürfte das die Bestenliste noch ein Weilchen beschäftigen.

          So üppig die Primärliteratur sprudelt, so rar sind die einschlägigen Bücher über Ratzinger gesät - sieht man von den vielen bunten Kurzbiographien ab, die jetzt als Schnellschüsse in den Buchmarkt einschlagen, aber natürlich keine wirkliche Analyse seiner Theologie und Philosophie leisten. Das bunteste Exemplar dieses Genres ist zweifelos jenes, das gerade mit einem Vorwort des "Bild"-Chefredakteurs Kai Diekmann erschien ("Der deutsche Papst". Von Joseph Ratzinger zu Benedikt XVI. Hrsg. von Peter Seewald. "Bild"-Zeitung, Berlin und Weltbild Verlag, Augsburg 2005. 161 S., zahlreiche Abbildungen, 9,95 [Euro]). Diekmann schlägt mit diesem Buch ein neues Kapitel der traditionell engen Bindungen zwischen "Bild" und dem Vatikan auf. Noch vor einigen Monaten stellten diese beiden Institutionen gemeinsam eine Bibel vor und empfahlen sie der Öffentlichkeit zur frommen Lektüre. Nun also, wo wir Papst geworden sind, nimmt "Bild" auch den neuen Heiligen Vater gleich fürsorglich in seine Regie. "Was denkt dieser Deutsche auf dem päpstlichen Thron, und worauf hofft er?" formuliert Diekmann stellvertretend die Frage von uns allen. Der Band enthält ein paar wirklich eindrucksvolle Fotos, darunter zwei Gruppenbilder, einmal der achtjährige Joseph im Kreis der Erstkommunionskinder vor dem Aschauer Hochaltar, zum anderen der soeben gewählte Benedikt XVI. im Kreis der Kardinäle, hinten rechts übrigens Kardinal Lehmann, über dessen etwas betretenem Gesichtsausdruck eine Denkblase des Inhalts "schiefgelaufen" zu schweben scheint.

          Eine größere Monographie zu Ratzingers Denken liegt, sieht man recht, nur aus der Feder des amerikanischen Journalisten John L. Allen vor. Es handelt sich um eine hierzulande erstmals vor drei Jahren erschienene, nach der Papstwahl nun rasch wiederaufgelegte Schrift (John L. Allen: "Joseph Ratzinger". Aus dem Amerikanischen von Hubert Pfau. Patmos Verlag, Düsseldorf 2005. 340 S., geb., 12,95 [Euro]). Blättert man in diesem Buch, kommt man freilich um den Eindruck nicht herum: Lieber Diekmanns schöne bunte Bilderwelt als Allens graue Theorie! Man lese nur einmal ins siebte Kapitel hinein: "Ratzinger und das nächste Konklave". Der Verlag hat auch dieses Kapitel, obschon in der Originalausgabe bereits vor fünf Jahren geschrieben, unverändert nachgedruckt. Das wirft kein gutes, sondern ein schummriges Licht auf das Haus Patmos. Denn in besagtem siebten Kapitel legt Allen Punkt für Punkt dar, warum nach seiner Einschätzung Ratzinger auf keinen Fall Papst werden würde. "Ratzinger wird nicht Papst werden, weil er" - so beginnt jeder dieser Punkte. Er habe ja nur drei Jahre lang als Erzbischof von München gearbeitet; er sei ein nichtitalienischer Europäer; er werde zu sehr mit der Politik seines Vorgängers identifiziert; er werde nicht die nötigen Stimmen erlangen, weil die progressive Sperrminorität in der Kirche "groß genug ist, zu verhindern, daß irgendein Kandidat auf einem Konklave eine Zweidrittelmehrheit erhält".

          Es ist weniger der Bankrott der Prognosen, der hier verwundert, als die apodiktische Form, in der sie bei Allen durchweg formuliert sind. Wenn selbst ein Punkt für Punkt widerlegbares Buch wie dieses vom Papstpromi-Bonus profitiert und - wie noch in der vergangenen Woche - auf die Bestsellerliste gelangt, dann läßt sich daran wohl vor allem das eine ablesen: In diesem Sektor mangelt es offenbar nicht an Nachfrage, wohl aber an Angeboten. Ein überzeugendes Buch über das Phänomen Ratzinger, seine intellektuelle Physiognomie im Kontext liberaler Gesellschaftstypik, liegt noch nicht vor. Sonst hätte es Allens zusammengehäkelter Schrift schon längst den Bestseller-Rang abgelaufen.

          CHRISTIAN GEYER

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