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Autorin Kübra Gümüşay : Wie böse sind die Deutschen wirklich?

Die ehemalige „taz“-Kolumnistin, Netz-Aktivistin und Autorin Kübra Gümüşay Bild: Paula Winkler

Rassismus, Feminismus und Sprache nach der Methode Kübra Gümüşay: Mit vielen Emotionen und wenigen Argumenten zeigt die Online-Aktivistin in ihrem Sachbuch, was in Deutschland schief läuft.

          5 Min.

          Sie ist „die Anti-Feministin“, „Feministin“, „Islamistin“, ein „wunderbarer Mensch“. Das sagt das Internet, wenn man es nach einem Namen fragt, nach Kübra Gümüşay. Doch warum fragt man überhaupt? Weil man ihr Buch liest, die vielen Widersprüche liest, den Sätzen schnell nicht mehr vertraut und nach Erklärungen sucht.

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Kübra Gümüşay, geboren in Hamburg 1988, ist Bloggerin, ist Online-Aktivistin. Das ungefähr steht auf dem Einband von „Sprache und Sein“. Die kleine große Ironie: Im Buch mit diesem ausgerechnet heideggerhaft-angehauchten Titel stehen Zitate vieler toter Juden. Doch dazu später.

          Zuerst zum Buch. Es fängt schön an, vielleicht wie ein Film von Fatih Akin: ein Hafen im Südwesten der Türkei, Sommer, Nacht, Frauen, die Sonnenblumenkerne essen und çay trinken. Nein, natürlich fängt so nie ein Film von Akin an, denn seine Filme haben weniger Klischees. Die literarische und schöne Szene erzählt Gümüşay nur, um ein Wort zu erklären, ein türkisches, das keine deutsche Übersetzung hat: Yakamoz beschreibt die Spiegelung des Mondes auf dem Wasser. Das Leuchten erkennt sie erst, als sie das Wort lernt: „Denn Sprache verändert unsere Wahrnehmung.“ Das stimmt. Und im Buch stimmt noch mehr: Ihre Beobachtung der Ausgrenzung, ihre Beschreibung des Gefühls, als Anderer, Fremder andauernd inspiziert zu werden. Wenn man das liest und selbst keine echte Deutsche ist, geboren in einem anderen Land, bekannt mit Fäusten deutscher Deutscher, dann nickt man oft. Doch öfter schüttelt man den Kopf. Denn die Autorin spricht von einem „wir“, wenn sie von Anderen spricht. In ihrem „wir“ will man aber nicht eingeschlossen sein.

          Deutsches Problem des generischen Maskulinums

          Warum? Da ist zuerst ihre seltsame, strenge Idee vom Feminismus. In Deutschland sieht sie ein Problem, es heißt: generisches Maskulinum. Es ginge besser ohne, weil Sprache ja Wahrnehmung bilde, impliziert sie, nennt Sprachen, die kein Genus haben: Usbekisch, Finnisch, Türkisch beispielsweise. Als nicht so deutsche Leserin hat man, klar, überall Cousinen und Cousins, auch in Usbekistan, weiß deshalb, wie Frauen da so leben: nicht besser als in Deutschland. In Finnland stimmt’s vielleicht. Und was ist los in der Türkei? Keine persönliche Erfahrung. Nur unpersönliche Statistiken, der Frauenmorde beispielsweise: 474 im Jahr 2019. Was daraus folgt? Dass eine Sprache ohne Genus das Leben von Frauen nicht automatisch besser macht.

          Doch Gümüşay schreibt nichts darüber, schreibt lieber böse über Deutsche. Als Leserin, die, wie gesagt, nicht deutsch ist, macht man natürlich ab und an auch Deutschenbashing, aber nicht auf die Art von Gümüşay, die keine Argumente kennt. Als ihr einmal, so wie der Text nahelegt, anscheinend eine Deutsche sagt, dass das generische Maskulinum nicht so schlimm sei, denkt Gümüşay über die Frau: „Vielleicht kann sich ein Mensch, der noch nie gegen eine Mauer gelaufen, der noch nie hart auf den Boden der Machtlosigkeit (...) geschlagen ist – vielleicht kann so ein Mensch sich die Mauern, die sich tatsächlich durch unsere Gesellschaft ziehen, gar nicht vorstellen.“ Das heißt: Den deutschen Frauen geht es zu gut, sie kennen keinen Schmerz. Was selbstverständlich falsch ist. Es ist diese Idee vom Feminismus, die andere ausschließt – Privilegiertere, die keinen Rassismus kennen. Misogynie aber kennt jede Frau!, schreit man gegen die Seiten, beruhigt sich und liest weiter.

          Dann geht es darum, dass manche Sprachen Prestigesprachen in Deutschland seien, manche nicht: „Türkisch lernt man nicht, Türkisch verlernt man.“ Unschöne, deutsche Wahrheit, ja, man nickt. Bis Gümüşay dann fragt: Was wäre, wenn man neben Goethe in Schulen andere Autoren unterrichtet hätte? Und sie nennt Namen. Auch den von Necip Fazil Kisakürek. Ihn kann man kennen. 2016 schrieb Deniz Yücel über ihn, den „Antisemiten, der dazu aufrief, Aleviten „wie Unkraut auszureißen und wegzuwerfen“.“ Und was sagt Gümüşay dazu? Entschuldigung. Auf Facebook: „Im Laufe der Monate kamen und gingen Namen aus dieser Liste, weil wir versuchten mehrere Sprachräume zu repräsentieren, um für eine vielseitige Beschäftigung mit Literatur aus aller Welt zu werben. (...) Leider hatte ich eine kritische Recherche in dieser Richtung zuvor nicht angestellt. Das war ein Fehler.“

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