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Autorin Kübra Gümüşay : Wie böse sind die Deutschen wirklich?

Kisakürek und Goethe

Wie halbaufrichtig so eine Entschuldigung in Wahrheit ist, sieht man erstens an ihrem ersten „wir“, als ob ein Lektor ihr den Namen vorgeschlagen hätte. Zweitens muss man nun keine „kritische Recherche“ machen, um zu verstehen, wer Kisakürek war. Drittens: Sie hatte Zeit, das zu verstehen. Denn schon 2010 schrieb sie seinen Namen im gleichen Atemzug mit Goethe. Der Text im Buch ist nämlich nur ein leicht geänderter, der damals in der „taz“ erschien. Er steht im Internet. Und da steht auch noch mehr von Gümüşay. Auf ihrem Blog zählt sie Vorwürfe auf, die sie so hört. Um „Millî Görüş“ geht es unter andrem, mit der sie angeblich sympathisierte. Was diese islamistische Bewegung macht? Auf Facebook Werbung für Kisakürek-Bücher, Gedenkaufrufe für den toten Gründer Erbakan, der selbstverständlich auch ein Judenhasser war. Diese Bewegung „will eine ,Gerechte Ordnung‘ auf der Grundlage des Islams begründen, die langfristig alle anderen, als ,nichtig‘ erachteten politischen Systeme ablösen soll“, sagt der Verfassungsschutz von Baden-Württemberg.

Und was sagt Gümüşay, die 2016 bei „Millî Görüş“ einen Vortrag hielt? „Wenn ich zu islamischen Organisationen eingeladen bin, dann übe ich selbstverständlich Kritik, spreche über Missstände in den Gemeinden“, sagt sie zum Beispiel. Okay, wenn irgendwer mit Rechten reden will – es gibt auch rechte Ausländer –, dann bitte. Doch ist in der Erklärung Gümüşays ein Fehler. Denn indirekt nennt sie da „Millî Görüs“ eine einfache islamische Organisation, mehr nicht. Weiter erklärt sie sich zu Erdogan. Seit Jahren wird ihr vorgeworfen, was sie vor Jahren schrieb: „Also, on a personal note: I currently don’t see any alternative to AKP in Turkey. So, we need constructive criticism!“ Das war ein Tweet, 2013, die Zeit der Gezi-Park-Proteste, in der die Menschen vom Tränengas erblindeten. Gümüşay sagt, dass der Tweet aus dem Kontext rausgerissen sei. Dass sie viel Kritisches zu Erdogan geschrieben habe, was wahr ist.

Doch: „Jedes Wort hat Wirkung.“ Das schreibt sie selbst in ihrem Buch, das man jetzt weiterliest. Das alte Zweifelhafte an Kübra Gümüşay versucht man aus dem Kopf zu sperren, weil man aufs gute Neue wartet. Aber da steht nichts Neues. Da steht: Ausländer, ihre Enkel, ihre Kinder und andere Minderheiten haben es schwer in Deutschland. Stimmt. Und: Sprache hat Macht. Stimmt auch. Um das auf vielen Seiten zu erklären, zitiert Gümüşay aus ihren alten Texten und schreibt andauernd das Wort „Demut“. Es ist ihr kleiner Trick, um zu beweisen, dass sie viel besser ist als Deutsche, dass „wir“ viel besser sind: „Weil ich ein Bewusstsein für die Grenzen meines Wissens und meiner Wahrnehmung besitze. Wir Anderen erlernen diese Fähigkeit.“ Wie schon gesagt: Als Andere will man in so einem „wir“ nicht sein. Will raus. Will, dass es endet.

Doch vor dem Ende muss Gümüşay noch schnell gerührt den Dichter Ghayath Almadhoun zitieren. Sucht man dieses Gedicht im Internet, findet man ein paar Zeilen vor den zitierten diese: „ich habe Partei ergriffen für die Indianer gegen den weißen Mann, für die Juden gegen die Nazis, für die Palästinenser gegen die Israelis“. Ja, das ist die vorbildlichste Art, Nazis mit Israelis gleichzusetzen. Ja, das zitiert Gümüşay dann nicht. Obwohl sie so oft die zitiert, die Nazis überlebten: Martin Buber, George Steiner, Paul Celan, Abraham Joshua Heschel, Theodor W. Adorno, Victor Klemperer und Kurt Tucholsky, der keine Lust mehr hatte, die Nazis überleben zu müssen. Wozu aber die alten Juden sprechen lassen, wenn man einem Mann zustimmt, der sagt, dass neue Juden Nazis sind? Es geht um Opferaura und mehr nicht. Es geht ihr, der Muslima, die viel zu viele Ausgrenzungen erfahren musste, darum, die schlimmen Erfahrungen neben das größtmögliche Leid, das der Schoa zu stellen, um so ihre Erfahrungen größer aussehen zu lassen, schmerzhafter. Das wiederum ist so durchsichtig, dass es am Ende übersehen wird. Denn Gümüşay wird überall und laut gelobt; von Kritikern, Kulturmenschen, Politikern.

Aber warum? Das Prinzip Gümüşay läuft gut im deutschen Jetzt, weil es nach sehr bekannten Regeln läuft: Das sagen, was ohnehin schon offensichtlich ist. Andere angreifen mit Emotionen, nicht mit Argumenten. Verschweigen, was man offenbar in Wahrheit denkt. Manchmal doch auf der Tastatur ausrutschen. Dann sagen: Das wurde nicht verstanden, aus dem Zusammenhang gerissen, bösartig wurde einem Böses unterstellt. Und fertig.

Mit Demut sitzen wir, die Anderen, vor diesem Buch, vor diesem ach so populistischen Prinzip und haben nichts verstanden. Oder alles.

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