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Opfergeschichten : Die Götter sind so schrecklich

Für Raoul Schrott der Grundriss des Heiligen in seiner größtmöglichen Reinheit: Besucher des Holocaust-Mahnmals in Berlin im Stelenfeld Bild: dpa/dpaweb

Der Dichter, Romancier und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott widmet sich in einem neuen Essayband auf etwas verstiegene Weise dem Heiligen.

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          Raoul Schrott ist ein Autor, der schon hinlänglich bewiesen hat, dass ihm zu vielen Dingen vieles einfällt. Im jüngsten Buch (Raoul Schrott: „Politiken & Ideen“. Vier Essays. Hanser Verlag, München 2018. 251 S., geb., 23,– €) sind es „Politiken“, nämlich jene des Nationalen, des Heiligen, der Sprache und des Kulturellen. Weil das ein weites Feld ist, versuchen wir uns nicht am Überblick über diese vier Essays, sondern steigen statt dessen gleich in jenen ein, in dem Schrott vom hartnäckigen Weiterleben des Heiligen in einer sich eigentlich weitgehend säkular fühlenden Gesellschaft handelt.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Mit der Idee Gottes gehe es bergab, konstatiert er dort, weshalb die Idee des Bösen, das Teuflische, Konjunktur habe. Das sehe man an der „Typisierung Hitlers“, der „weltweit unzweifelhaft das fleischgewordene Böse darstellt“. Merkwürdig, denken wir an dieser Stelle, lasen wir nicht öfter von ganz anderen Bildern Hitlers in einigen Weltgegenden? Aber es geht halt darum, sehen wir dann gleich, dass Hitler eine „Umkehrfigur“ sein soll, weil nämlich „die Auseinandersetzung mit ihm vom selben Horror und derselben Faszination geprägt wie vor dem Heiligen“. Ganz einfach.

          Der Eine und noch einer

          Und damit geht’s gleich zur nächsten Umkehrung. Denn die von Hitler betriebene Vernichtung der Juden könne unter der nun einmal nicht loszuwerdenden christlichen Perspektive „auch an die Stelle der Kreuzigung treten: wo der Eine sich für die Menschen opferte, wurden hier Menschen für einen Einzelnen ausgelöscht. Sieht man darin einen kollektiven Opfertod, wird daraus das Schicksal einer spiegelverkehrten Heilsgeschichte.“

          Haben wir richtig gelesen? Aber es steht tatsächlich so da: Wo Jesus sich für die Menschen am Kreuz opferte, wurden hier Menschen, nämlich Juden, für einen Einzelnen, nämlich Hitler, ausgelöscht. Wobei diese Auslöschung im nächsten Satz doch noch zur Opferung wird. Die gleich darauf eingeschobene rhetorische Frage, ob dieser Blickwinkel einem Massenmord auch wirklich gerecht werde, unterstreicht durch ihre Folgenlosigkeit, dass der Autor eben diese Sichtweise festhält.

          Kreuze sehen

          Und als ob Schrott ahnte, dass uns die Raffinesse der so erkannten Symmetrie, die spiegelverkehrte Heilsgeschichte, oder vielmehr das Schicksal derselben durchaus nicht einleuchtet, gibt er gleich einen anschaulichen Beleg für die solcherart anvisierte „sakrale Dimension“ der Judenvernichtung. Die Architektur des von Daniel Libeskind entworfenen Jüdischen Museums in Berlin nämlich. Denn was sehen wir schließlich dort: Nicht nur kreuzen sich dessen Achsen, selbst die Fenster weisen Kreuzform auf, „gleichsam als Zeichen dafür, wie schwer es uns fällt, Geschichte ohne die gewohnten Symbole des Heiligen zu verstehen“. Wer jetzt nicht einsieht, dass die Judenvernichtung die Kreuzigung vertritt, dem kann keiner mehr helfen.

          Ein paar Absätze weiter – nachdem wir im Vorbeigehen gelernt haben, dass auch ein Großteil moderner Kunstgeschichte im Bann des Heiligen steht, weil Bilder Rahmen haben, die sie von der Umgebung abheben, und die Abgrenzung vom Alltäglichen nun einmal die Grundbestimmung des Heiligen sei – diagnostiziert der Autor mit Blick auf Peter Eisenmans Berliner Stelenfeld, dass „das Ästhetische eines Mahnmals nur sehr bedingt dazu in der Lage ist, das subjektive Erlebnis von Todesschrecken wachzurufen“. Sehen wir auch so, wir würden sogar hinzufügen, dass auch das Unästhetische nicht heranreichte, selbst wenn wir uns unter einem objektiven Erleben dieses Schreckens nichts vorstellen können.

          Dämonisch bis göttlich

          Aber weiter im Text: „Ohne die sie begleitende gesellschaftliche Erinnerungskultur (...) hätte deshalb Auschwitz lediglich die Eindrücklichkeit einer leerstehenden Fabrik.“ Nebbich, natürlich muss man davon wissen, was dort geschah. Und wie geschieht den Besuchern dort nach Schrott: Sie reagieren auf „diese dämonischen genius loci ähnlich wie auf das numinos Göttliche – ebenso sehr tremendum wie fascinans, in der Angstlust der Götterschau. Denn Götter sind so schrecklich, wie sie Schreckliches zulassen oder auch es selbst erleiden – ob der alttestamentarische Jahwe, Apollon, der Marsyas langsam die Haut in Streifen abzieht, oder Jesus an seinem Kreuz.“

          So schwadroniert er dahin. Und wir gestehen, uns packte das tremendum, doch nicht fasziniert. Während unweigerlich Fragen vor uns auftauchten, die weder mit dem Heiligen noch seiner Umkehrfigur Hitler zu tun haben, sondern sehr viel bescheidener ausfallen: Wie etwa diejenige, ob ein renommierter Verlag denn seinem Autor nicht schonend mitteilen kann, dass er sich ja gerne da und dort versteigen darf, aber doch vielleicht eher nicht, wenn es um die Judenvernichtung geht. Und wir beließen es beim Eindruck, den diese Passagen uns von der Tiefgründigkeit des Autors gaben.

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