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Ralph A. Austen: Sahara : Wanderer, kommst du nach Timbuktu

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Bild: Verlag

Die Wüste lebt. Ralph Austen legt eine gut lesbare und lehrreiche Geschichte der Sahara als Ort des Austauschs von Waren, Ideen und Menschen vor.

          3 Min.

          Von den Wüsten geht eine geheimnisvolle Faszination aus. In ihrer Leere, so heißt es, würden Religionen geboren, der Mensch entdecke dort, ganz zurückgeworfen auf sich selbst, sein metaphysisches Gegenüber: Gott. Jesus und Mohammed gingen eine Zeitlang in die Wüste - und kamen verwandelt zurück. Das Mönchstum entstand in der Wüste. Und immer wieder waren es - in moderneren Zeiten - spirituelle Sucher wie Isabelle Eberhardt oder der Pater Charles de Foucauld, die in der großen Leere, etwa der Sahara, eine besondere Daseinsform in Stille und Einsamkeit anstrebten.

          Dies freilich, die Wüste als ein Ort des Leerwerdens vom Getriebe der Welt, ist ein einseitiges Bild von dieser Landschaft. Gerade die Sahara, die größte Wüste der Erde, war immer auch ein Platz voller Leben und historischer Ereignisse. Ralph A. Austen, emeritierter Professor für Afrikanische Geschichte an der Universität von Chicago, zeichnet in „Sahara. Tausend Jahre Austausch von Ideen und Waren“ ein dynamisches Bild dieser großen Wüste. Das Buch passt gut zur aktuellen Krise in Mali. Dort, inmitten der Region um die von Phantasmagorien umrankten Städte Timbuktu und Gao, haben radikalislamische Rebellen mit einer talibanischen Ideologie die in Bamako residierende Regierung entmachtet und einen eigenen Fundamentalisten-“Staat“ begründet, den die Weltgemeinschaft nun wieder loswerden möchte. Sie hausen dort wie die Axt im Walde. Auch von einem deutschen Engagement, etwa bei der Ausbildung malischer Sicherheitskräfte, ist die Rede.

          Stadt des Goldes

          Dass heute Mali im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzungen steht, ja dass Timbuktu wieder in den Schlagzeilen auftaucht, kommt nicht von ungefähr. Austen beschreibt die Sahara als einen wichtigen Handelsplatz zwischen 800 und 1900 n. Chr. Er expliziert, was der Islamwissenschaftler Maurice Lombard in seinem klassischen Werk über den Islam in seiner Blütezeit schon herausgearbeitet hatte: die westöstlichen, nordsüdlichen (und vice versa) Handelsströme quer durch die große Wüste. Getragen wurden sie bis zum Einbruch der Moderne vom Karawanenhandel, und sie standen im Wesentlichen unter islamischem Vorzeichen. Nach der Eroberung Nordafrikas durch die Muslime im 7. Jahrhundert - bei der ein Feldherr wie Uqba Ibn Nafi bereits weit nach Süden vorstieß - lieferten Handelskarawanen von bis zu 5000 Kamelen Gold, Salz, Ziegenleder, Elfenbein, später Gummiarabikum und andere Güter in Richtung Mittelmeer und Europa.

          Über Timbuktu, das so seinen Ruf als Stadt des Goldes erwarb, führte eine der Haupthandelsrouten, eine andere über den Fezzan nach Bornu-Kanem und Darfur. Doch Timbuktu war auch einer der Kreuzungspunkte der Karawanen von Senegal und „Mauretanien“ nach Osten, etwa nach Ägypten und in den Nilsudan. Die spektakuläre Pilgerfahrt Mansa Musas, des Herrschers von Mali, im Jahre 1324 nach Mekka machte deutlich, wie relativ sicher zumindest zeitweise diese Karawanenwege waren. Leider wurden auch Sklaven in großem Stil transportiert, denn der Bedarf an Dienerinnen in der Welt des Islams schien unerschöpflich.

          Kunstreiche Bewässerungskanäle

          Als die Europäer seit dem 16. Jahrhundert die sudanischen Gebiete (heute „Sahel“ genannt) als Reservoir für ihren eigenen transatlantischen Sklavenhandel entdeckten, interessierten sie sich mehr für männliche Sklaven, die in den beiden Amerika als rechtlose Schwerstarbeiter, eingesetzt wurden. So kam man sich nicht ins Gehege. Insbesondere der Islam hat das Verbrechen des Sklavenhandels, der dort bis weit in das vorige Jahrhundert währte und Millionen Opfer unter schwarzen Afrikanern forderte, bis heute nicht aufgearbeitet.

          Doch schon viele Jahrhunderte zuvor war die Sahara keineswegs so geschichtslos, wie ein verbreitetes Vorurteil lautet: Schon in vorchristlicher Zeit wurde ihr Inneres vom Reich der Garamanten geprägt, das sich mit Karthago und Rom auseinandersetzte. Sein Zentrum, das auch davon profitierte, dass die Sahara - wie Felszeichnungen belegen - nicht immer so wüst war wie heute, war der libysche Fezzan. Einflüsse Altägyptens sind nachweisbar. Vor allem aber waren die Garamanten die Erfinder jener kunstreichen Bewässerungskanäle, die noch heute Leben in der Sahara ermöglichen.

          Flugzeuge statt Kamele

          Angesichts der ökonomischen Bedeutung der transsaharischen Handelsströme verwundert es nicht, dass diese Großregion Schauplatz erheblicher Machtkämpfe gewesen ist (und es heute wieder ist, man denke etwa an die Uran-Vorräte in Niger). Spannend schildert Austen das Auf und Ab der Herrschaften, die Auseinandersetzungen zwischen den saharischen Regionen und den maghrebinischen Herrschern. So reichte der Arm der marokkanischen Almoraviden zeitweise bis in den Senegal und nach Timbuktu.

          Mit dem Einzug der technisch überlegenen Kolonialmächte seit 1830, als die Franzosen schließlich den Emir Abd al Qadir niederrangen und Algerien eroberten, wurde der Karawanenhandel massiv beeinträchtigt, ohne je ganz abzusterben. Noch heute etwa gibt es die Salzkarawane zwischen Agadez und Bilma. Doch Lastwagen, Güterzug und Flugzeug übernahmen die Funktion der Kamele. Die Strukturen blieben freilich erhalten. Die radikalen Islamisten und sogar Al Qaida im Maghreb nutzen sie.

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