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Stress des Alltags : Wie wir gelernt haben, die Unruhe zu lieben

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Rastlos und ruhelos wirst du auf Erden sein: Der moderne Mensch hat sein Getriebensein mit Blick aufs Smartphone längst angenommen. Bild: plainpicture/Jean-Pierre Attal

Besser als alle Ratgeber zur Lebenskunst: Ralf Konersmann zeigt, wie unser rastloses Leben zur Norm wurde – und warum wir das für therapierbar halten.

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          Und Gott sah, dass es noch nicht genug war. Dass die Menschen mit der Vertreibung aus dem Paradies noch nicht genügend gestraft waren. Immerhin mussten sie nun im Schweiße ihres Angesichts für ihr Auskommen sorgen. Gott hatte also mit der Arbeit schon etwas Unruhe in die Welt gebracht. Allerdings galt das nur bedingt. Abel wählte die paradiesnahe kontemplative Hirtentätigkeit, die Kain im Zorn buchstäblich mit einem Schlag beendete. Erst mit der zweiten Vertreibung, dem Fluch „Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein“, kommt die Unruhe endgültig als das Dasein durchdringende, Kultur und Zivilisation prägende Kraft in die Welt.

          Ralf Konersmann erzählt in seiner genealogischen Erkundung dieses Seinszustandes die biblische Geschichte nicht im Blick auf Schuld und Sühne, sondern im Blick auf ein Daseinsgefühl, das uns heute selbstverständlich erscheint. So selbstverständlich, dass sich die Frage gar nicht mehr stellt, warum Menschen Ruhe und Frieden aufgeben, um ihr Glück im tätigen Leben, in der Arbeit, der beständigen Veränderung zu suchen und die mögliche Welt mehr zu schätzen als die bestehende. Konersmann jedoch fragt sich verwundert: „Wie haben wir gelernt, die Unruhe zu lieben?“ Denn in der postparadiesischen Wirklichkeit sind wir umstellt von alltäglichen Geboten, die die Unruhe positiv wenden. Etwa wenn wir feststellen, dass, wer rastet, auch rostet.

          Geistesgeschichtliche Tiefenbohrung

          Im Lauf ihrer Geschichte ist die Unruhe vom Schreckbild der biblischen Erzählung zum Normalzustand geworden. Mehr noch, sie ist ein „hoffnungsfrohes Taumeln, ein massenhaftes Sehnen und Drängen, das die Unterscheidung von Treiben und Getriebensein nicht kennt“. Und selbst noch die zeitgeistige Sehnsucht nach Entschleunigung, nach einer Auszeit oder nach meditativer Gelassenheit findet für Konersmann vor dem Hintergrundrauschen der Unruhe statt. Stress, Arbeitsverdichtung oder Burn-out werden für ihn zu Symptomen eines verzerrten Diskurses: Statt Unruhe als solche, als historische, kulturelle Erscheinung zu erkennen, werde sie heutzutage ins erschöpfte Selbst verlegt, als therapierbar, also überwindbar betrachtet. Dass dem nicht so sein kann, ist eine der vielen überraschenden Einsichten dieses Buchs.

          Ralf Konersmann: „Die Unruhe der Welt“
          Ralf Konersmann: „Die Unruhe der Welt“ : Bild: S. Fischer Verlag

          Dem Kieler Kulturphilosophen gelingt es dabei, unmittelbare lebensweltliche Wiedererkennbarkeit mit einer faszinierenden geistes- und philosophiegeschichtlichen Tiefenbohrung zu verbinden. Eine Tiefenbohrung, die nicht nur bis ins mythische Erzählen – etwa in die Kainsgeschichte oder den Prometheusmythos – vordringt, sondern auch von der bis heute kulturprägenden Wirksamkeit des Mythos überzeugt ist. Dass die großen Erzählungen ihre unmittelbar welterschließende Kraft eingebüßt haben, ihre Fähigkeit, Fragen zu beantworten, bevor wir sie gestellt haben, heißt für Konersmann gerade nicht, dass der Mythos durch Aufklärung nach und nach in Logos überführt worden ist; er bleibt zersplittert, überformt und umgewertet präsent: „Kleinformatig und ungemein beweglich, vagabundieren die freien Erzählbruchstücke durch die Öffentlichkeit, weitergetragen und globalisiert durch die Traumfabriken, durch die Medien, die Werbung, die Programme der Parteien und, selbstverständlich, die Verlautbarungen der Wissenschaft.“

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