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Stress des Alltags : Wie wir gelernt haben, die Unruhe zu lieben

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Und wie beweglich, kleinformatig diese Erzählstücke auch historisch in der Philosophie, der Kunst, der Literatur vagabundieren, welch ein Eigenleben mythisches Erzählen entfaltet, das kann man in diesem Buch nachvollziehen. Bisweilen könnte man dabei den Eindruck gewinnen, der Autor sei selbst von seinem Gegenstand, der Unruhe, erfasst worden, jedenfalls, was die chronologische Ordnung dieser Genealogie betrifft. Denn Konersmann springt kreuz und quer durch die Jahrhunderte, lässt sich von Motiven und Bedeutungsschichten der Unruhe leiten, lässt etwa jene Kainsgeschichte aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf die vorwärtsdrängende Wissenschaft des frühen 17. Jahrhunderts treffen, als Francis Bacons Methodenlehre „Novum Organum“ erschien, die schon auf dem Titelkupferstich einen Bibelspruch zeigt, in dem eine wesentliche Umwertung der Unruhe sichtbar wird: „Viele werden rastlos umherirren und die Erkenntnis wird groß sein.“

Der Titel „Unruhestifter“ ist eine Auszeichnung

Aus dem Fluch wird langsam ein Segen. Wobei Bacon noch unterstellte, dass die Unruhe des wissenschaftlichen Fortschritts eine vorübergehende sein würde, sich die paradiesische Ruhe wieder einstellen könne, sobald das Buch der Natur gelesen und das Wissen vollständig sei. Diesem „Wiederherstellungsmodell“ erteilt die in der Moderne entfesselte Unruhe eine Absage. Etwa in der berühmten elften Feuerbachthese von Karl Marx. Dass es nicht gelte, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern, setzt voraus, dass Unruhe endgültig zur positiven Signatur der Moderne geworden ist. „Dass die Welt etwas ist, das es zu verändern gilt, war und ist der übergreifende Konsens europäischer Intellektualität. Der erhabenste Ruhmestitel, den die westliche Kultur an ihre Intellektuellen zu vergeben hat, ist die Auszeichnung als Unruhestifter.“

Wobei auch der Marxsche Veränderungsfuror, die Vorstellung vom kollektiven Subjekt, das wirkmächtig die Geschichte in die eigenen Hände nimmt, in der Ästhetik der Moderne abgeschliffen wird. Am Beispiel André Gides zeigt Konersmann: „Der Dichter der Moderne... macht nicht und stellt nicht planvoll her; angesteckt von der Unruhe lässt er geschehen.“ Der moderne Künstler ist nicht Schöpfer, sondern Zeuge oder Medium der Unruhe, er ist ein „Inquieteur“. Und das gilt wohl für den modernen Menschen insgesamt, der sein Treiben und Getriebensein mit Konersmann als das begreifen lernt, was vormals „Schicksal“ genannt worden ist.

Glücklich machende Theorielektüre

Ein Schicksal, das man eben nicht wegtherapieren kann und gegen das auch nicht das Kraut von Gelassenheitsratgebern oder Lebenskunstbrevieren hilft. Aber doch etwas ist, dem man sich stellen muss. In der Haltung der antiken Stoa, in ihrer Vorstellung von Seelenruhe entdeckt Konersmann einen zeitgemäßen, ja, pragmatischen Umgang mit der Unruhe, einen, der sie weder leugnet noch aus der Welt schaffen will. Einen Umgang, der nicht – wie der mittelalterliche Philosoph Meister Eckhart – Gelassenheit im Sinne von „Lass Dich!“ als Selbstverlust predigt. Der Stoiker versucht, hier und jetzt das unruhige Leben zu meistern; Seelenruhe zu erreichen, indem er sich nicht aus der Unruhe bringen lässt.

Eine Form, sich der Unruhe der Welt zu stellen, besteht darin, dieses elegant geschriebene Buch zu lesen und mit Konersmann durch unruhige Zeiten zu wandeln, von Seneca zu Schiller, von Pascal zu Brecht. „Dandys, Flaneure, Feuilletonisten“ sind für ihn diejenigen, die „sich durch die Art ihrer Lebensführung dem Reglement der inquietär vereinheitlichten Moderne“ entziehen. Und das gilt wohl auch für die Dauer einer glücklich machenden Theorielektüre.

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