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Radsport : Der Fall Leipheimer und die Manipulationskultur

  • -Aktualisiert am

Michael Holczer packt in seinem Buch aus Bild: dpa

Michael Holczer kam aus Leidenschaft zum Profiradsport. Wegen der Seuche Doping kehrt er nach zwölf Jahren zurück in den Schuldienst. In seinem Buch „Garantiert positiv“ belastet er zuvor vor allem seinen ehemaligen Radprofi Levi Leipheimer schwer.

          Hans-Michael Holczer, einst einer der wortgewaltigsten Manager im Profiradsport, steht vor einem interessanten Experiment. Er nennt das selbst so. Holczer, der das Team Gerolsteiner geleitet hatte, das 2008 in den Doping-Wirren unterging, wird im September nach fast zwölf Jahren Pause in den Schuldienst zurückkehren. In die Realschule Böblingen, mit den Fachbereichen Mathematik und Geschichte. Obwohl doch der Radsport weiterhin seine große Leidenschaft ist. „Ich finde ihn“, sagt Holczer, „immer noch faszinierend“. Der Schwabe bescheinigt dem Radsport sogar eine immense Werbekraft. Allerdings schwant ihm auch, dass ein Comeback für ihn vorläufig ausgeschlossen ist. „Im Moment“, sagt Holczer, „gibt es für mich in dieser Welt keinen Platz.“ Weil er häufig zu forsch gewesen ist, manchem in der Szene vielleicht anmaßend vorgekommen war?

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Gerade hat Holczer wieder ein bisschen ausgeteilt, in seinem Buch mit dem Titel „Garantiert positiv“. Es sei, sagt er, nicht darum gegangen, „irgendwelche Dinge zu enthüllen“. Und doch hat der Mann, in dessen Team es Doping-Affären um Danilo Hondo, Stefan Schumacher oder Bernhard Kohl gegeben hatte, einen Radprofi im Nachhinein attackiert - den Amerikaner Levi Leipheimer, zuletzt bei der Tour de France Kompagnon von Lance Armstrong im Rennstall RadioShack.

          Hilflosigkeit eines Managers

          Es ist eine bemerkenswerte Episode, sie datiert aus dem Jahr 2005, als Leipheimer noch für das Team Gerolsteiner gefahren war. Damals waren während der Tour auffällige Blutwerte bei Leipheimer festgestellt worden. Sie lagen zwar knapp unter dem Grenzwert, für Holczer aber war die Sache eindeutig: „Leipheimer hatte manipuliert.“ Dennoch ließ er den Amerikaner im Rennen, aus Angst vor Schadensersatzklagen, schließlich lagen Holczer keine handfesten Beweise für einen Betrug vor. „In so einem Moment“, so Holczer, „fühlt man sich sehr ausgeliefert und hilflos.“

          „Leipheimer hatte manipuliert”

          Zumal auch der von ihm informierte Internationale Radsportverband nicht einschreiten mochte. „Der Weltverband wollte nichts riskieren, wollte niemanden an den Pranger stellen, der nicht hundertprozentig überführt war.“ Heute, sagt Holczer, stufe er den Vorfall als glatte Beihilfe zur Manipulationsverschleierung ein. Leipheimer, der die Tour 2005 als Sechster beendet hatte, steht auch in diesem Jahr im Zwielicht: Die massiven Doping-Vorwürfe von Floyd Landis zielen nicht nur auf Armstrong, sondern auch auf ihn.

          „Doping sieht man niemandem an“

          Holczer beschreibt in seinem Werk seine Anfänge beim RSV Öschelbronn, er skizziert ein Familienprojekt, und er stellt sich - am Ende - als ein Opfer des Radsports dar. Er müsse nichts verarbeiten, sagt Holczer. Aber er behauptet, von Rennfahrern mit krimineller Energie instrumentalisiert, von den Erkenntnissen über das eigene Team überrollt worden zu sein.

          „Doping sieht man niemandem an“, betont Holczer, er führt als prägnantes Beispiel dafür den Italiener Davide Rebellin an, der bei Olympia 2008 in Peking positiv auf das Epo-Präparat Cera getestet worden war. Rebellin habe sich immer, erzählt Holczer, so klinisch rein wie ein Operationssaal gegeben. Der Italiener verkörpert für ihn nun nahezu idealtypisch „die Schizophrenie“ der Branche.

          Traditionelle Manipulationskultur

          Für den Radsport-Liebhaber Holczer hat sich im Laufe der Jahre ein Bild dieses Sports ergeben, „das für den Radsport leider apokalyptisch ist“. Doping, so Holczer, gehöre aber generell zum Spitzensport, ausnahmslos. „Wer sauberen Sport sehen will, der sollte zum Beispiel zum Kunstradfahren oder zum Radpolo gehen.“ Er sei sicher, dass solche Athleten sich Doping-Kuren „von 20.000 Euro im Jahr aufwärts“ gar nicht leisten könnten.

          Der Profiradsport hingegen sei geprägt von einer traditionellen Manipulationskultur. Die nationale Zunft betrachtet Holczer als „ein Trümmerfeld, auf dem erst langsam wieder die ersten Pflänzchen wachsen“. Sie können, das dürfte Holczer wissen, auch schnell wieder zertrampelt sein.

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