https://www.faz.net/-gr3-136gz

Quentin Skinner: Visionen des Politischen : Dieser Freistaat ist ja eine unmögliche Person

Bild: Verlag

Gegenbegriffe und Ebenbilder: Quentin Skinners Aufsätze zur Geschichte des politischen Denkens liegen jetzt in vorzüglicher deutscher Auswahl vor. Vor allem der Text über Hobbes und das exzellente Nachwort bieten dem Leser vielfache Anregungen.

          Der Kerl mit den gefletschten Zähnen und den Teufelshörnern im Schwarzhemd ist der Böse. Das sieht jedes Kind, und sobald das Kind lesen kann, erfährt es aus der Inschrift im Bild, welcher Böse auf dem Fresko im Rathaus von Siena dargestellt ist: der Tyrann. Wer aber ist in Ambrogio Lorenzettis Gegenüberstellung der guten und der schlechten Regierung der Antitypus zum unrechtmäßigen Alleinherrscher? Nicolai Rubinstein hat den Bart-, Szepter- und Schildträger, der inmitten der Tugenden thront, als Verkörperung eines Gedankens erklärt: Der Maler habe das aristotelische Konzept des allgemeinen Wohls, des bonum commune, ins Bild und auf den Thron gesetzt. Quentin Skinners abweichender Deutungsvorschlag setzt bei der Erwägung an, dass dem Tyrannen eventuell doch ein anderer Einzelmensch, ein rechtmäßiger Herrscher, gegenübergestellt sein könnte.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Diese Möglichkeit ergibt sich für Skinner aus der staatstheoretischen Literatur der Zeit. Auch in Republiken gibt es Herren, herausragende Bürger, die durch ihre Tugenden zum Führen berufen sind und von ihren Mitbürgern in Führungsämter berufen werden. Der gute Herrscher des Freskos ist mit Attributen eines Stadtherrn ausgezeichnet. Namentlich nimmt er die Richterpose ein. Wie er zu seiner Rechten die braven Bürger sich aufreihen lässt und zur Linken die Übeltäter herankommandiert, lässt er sogar an den obersten Richter von allen denken. Die gute Regierung erscheint als säkularisierende Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts.

          Die Republik als Herr

          Bei der Fortschreibung seiner Betrachtungen über Lorenzetti als Staatsphilosophen hat Skinner seine Deutung modifiziert. Er möchte die Figur des guten Regenten nun doch als Personifikation einer abstrakten Größe sehen, der die Gottesimitation der Säkularisierungsthese besser zuzumuten ist als dem Tugendhelden. Auf dem Schild prangt das Bild Marias, der Stadtpatronin. Die im Rathaus versammelten Bürger von Siena blicken, so Skinners These, zu ihrem Ebenbild auf: der thronenden Stadtgemeinde. Aus Traktaten kann Skinner den Gedanken zitieren, dass die Republik nach außen wie ein Herr in Erscheinung tritt.

          Es wäre, mit diesen beiden Aspekten von Skinners Interpretation, also sowohl die äußere als auch die innere Verfassung der Republik von Siena dargestellt: ein Gemeinwesen, in dem Obrigkeit und Bürgerschaft identisch sind. Kommt im offiziellen Selbstbild von Siena die Selbstherrschaft zur Anschauung oder der Primat des Gemeinwohls? An den Disput von Rubinstein und Skinner, den vielfach verknüpfte, hochspezialistische Sachfragen der Philologie und Ikonologie ausmachen, lassen sich unterschiedliche Nuancierungen der Idee der Republik und der Idee der Freiheit des Bürgers in der Republik anschließen - und damit auch eine Wertungsfrage. Aber vielleicht muss man die Sache, was jedenfalls die Bedeutung des Bildes betrifft, gar nicht entscheiden.

          Interpretation aus dem lokalen Kontext

          Für höchst bedeutsam hält Skinner den Einfall eines Mitforschers, dass man dem weißhaarigen Riesen eine Legende in Gestalt eines Wortspiels beigeben könnte: „persona sena“, eine alte Person oder die Person (von) Siena. Durch diesen Beschriftungsvorschlag, über dessen Plausibilität die Romanistik richten muss, wird Lorenzettis Stadtfürst auch begrifflich als Antagonist des Kunstmenschen ausgewiesen, dem er im Bildprogramm von Quentin Skinners Museum der politischen Ideengeschichte gegenübersteht. Der Leviathan des Thomas Hobbes, wie er dem Leser auf dem vielausgelegten Titelkupfer entgegentritt, ist ebenfalls die in einer Person zusammengefasste politische Gemeinschaft: das „Common-wealth“, von dessen Materie und Form das Buch mit einem Begriff zu handeln verspricht, der eher für Republiken üblich war, aber auch Monarchien einschließen soll.

          Solche Verbindungen über Zeit und Raum hinweg muss der Skinner-Leser selbst schlagen. Quentin Skinner, der Methodologe der Cambridger Schule der Geschichte des politischen Denkens, der seit seiner Emeritierung als Königlicher Professor der modernen Geschichte im Londoner Exil lehrt, hat Epoche gemacht, indem er darauf bestand, dass Texte der politischen Theorie aus ihren lokalen und zeitlichen Kontexten verstanden werden müssten, als Sprachhandlungen. Daher hat er seine beiden großen Forschungsfelder, die Gedankenwelt der italienischen Stadtrepubliken und die Ideenproduktion des englischen Bürgerkrieges, auf zwei Bände seiner 2002 unter dem Titel „Visions of Politics“ erschienenen gesammelten und revidierten Abhandlungen verteilt; der erste Band bietet die philosophischen Untersuchungen.

          Am Beispiel Hobbes

          In deutscher Übersetzung ist eine Auswahl soeben als Suhrkamp-Taschenbuch herausgekommen. Klugerweise haben die Herausgeber auch einen in der Sammlung nicht enthaltenen, jüngeren Aufsatz über Hobbes als Theoretiker der Repräsentation aufgenommen. In brillanter Manier führt dieses Stück die Stärken von Skinners kontextualisierendem Ansatz vor Augen. Skinner geht hier von der Feststellung aus, dass die verbreitete Angabe, Hobbes habe die erste Theorie der politischen Repräsentation ausgearbeitet, historisch nicht zutrifft. Er zeigt, dass heute vergessene Pamphletisten Hobbes nicht bloß zuvorkamen, sondern ihm tatsächlich das Problem vorgaben. Hobbes' Theorie erweist sich als Kritik der parlamentarischen Repräsentationslehren dieser republikanischen Autoren.

          Scharf wie nie kann Skinner des metaphysischen Individualismus von Hobbes profilieren. Der Leviathan repräsentiert jeden einzelnen der vertragschließenden Bürger und gerade nicht deren Gesamtheit. So teilt sich für Skinner das moderne Europa in die Obödienzen zweier „Visionen“ der Souveränität: In Siena war das Volk souverän, bei Hobbes ist es der Staat. Wendet man Skinners Methode auf ihn selbst an, muss man nach den polemischen Intentionen hinter seinen methodischen und systematischen Operationen fragen. Das exzellente Nachwort der Herausgeber bietet dafür vielfältige Hinweise und Anregungen.

          Weitere Themen

          Dorfsheriff Eberhofer im „Sauerkrautkoma“

          Komödie im Ersten : Dorfsheriff Eberhofer im „Sauerkrautkoma“

          Die ARD füllt ihre Sommerpause mit „Sauerkrautkoma“, und das ist ein Glück. In der fünften Verfilmung der Provinzkrimi-Reihe von Rita Falk löst der Eberhofer Franz Kapitalverbrechen mal wieder ganz nebenbei.

          Topmeldungen

          Diese Demonstranten am Stuttgarter Flughafen wollen die Menschen vom Fliegen abhalten.

          Klimaschutz : Vertraut nicht den Verboten!

          Im Kampf um das Klima gibt es viele Einzelideen. Sie versperren den Blick auf das Notwendige: ein sinnvolles Gesamtkonzept. Dafür gilt: Lieber gründlich als überhastet.
          Formiert sich gerade eine breite politische Front gegen Salvini? Der italienische Innenminister strebt weiter Neuwahlen an.

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.