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Publikationen über Werner Schmalenbach : Ein Midas des modernen Kunstbetriebs

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Bild: Verlag

Sein Schreibtisch war weltweit der Magnet für die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts: Ein Buch und Mitschnitte präsentieren den großen Museumsmann Werner Schmalenbach.

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          Wer sich eine Vorstellung davon verschaffen möchte, wie mächtig Werner Schmalenbach in der Kunstszene der Nachkriegszeit war, der sollte folgende Geschichte kennen: 1958 stieg Schmalenbach in einen Bus, um einen ganz und gar unerfolgreichen Künstler zu besuchen, der in einem idyllischen Städtchen lebte, zu dem es keine Zugverbindung gab - Hagenau am Bodensee. Der Künstler hieß Julius Bissier, er malte abstrakt, war fast fünfundsechzig Jahre alt und hatte in seinem Leben genau ein Bild verkauft - wie sich später herausstellte, an seine eigene Frau, die es unter falschem Namen erwarb. Bissier war inzwischen davon überzeugt, dass Erfolglosigkeit sein Schicksal sei, als eben Schmalenbach aus dem Bus stieg, die Bilder im Atelier sah und begeistert ausrief: "Ihr Leben wird sich ändern. Sie werden Erfolg haben - weltweit. Sie werden ausstellen - überall."

          Eben das war Schmalenbach: ein Impresario, Königsmacher und Midas, der das, was er berührte, in Gold verwandelte. Schmalenbach stellte Bissier 1958 in Hannover aus, Mitte der sechziger Jahre tourte das Werk bereits durch die bedeutenden amerikanischen Museen. Seinen Nachlass vermachte Bissier dem Museum, dessen Direktor Schmalenbach von 1962 bis 1990 war: der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Bis 1989, als die Mauer fiel und Berlin zum Kunstzentrum aufstieg, galt sie als heimliche Nationalgalerie Deutschlands.

          Schmalenbach machte die Moderne zu einer klassischen Epoche

          Pünktlich zum fünfzigjährigen Jubiläum des Hauses sind nun im Verlag der Buchhandlung Walther König zwei Publikationen erschienen: zum einen zwei CDs mit sechs Reden von Schmalenbach - über besagten Bissier, außerdem über Kirchner, Schwitters, Goller, Schumacher und Tàpies; zum anderen ein Band mit Interviews, die der Kunstkritiker Eduard Beaucamp führte, der fast vierzig Jahre das Kunstressort dieser Zeitung leitete. Schmalenbachs Reden bilden dabei die meisterhafte Fassade eines Prachtgebäudes. Mit Beaucamp jedoch betritt man das Innere, durchquert die Festsäle und Bankettzimmer, tritt in die Küche und Dienstbotenräume ein und klettert auch auf den Dachboden oder hinab in den Keller. Diese Reibung verleiht dem glänzenden Gespräch seine eigentümliche Spannung. Historisiert wird eine Hochburg der Moderne, im respektvollen und letzten Austausch mit dem Hausherrn, der im Juli 2010 verstarb.

          Was gibt es also zu entdecken? Wollte man Schmalenbachs Lebensleistung auf einen Satz bringen, dann wäre es der folgende: Er machte die Moderne zu einer klassischen Epoche. Neben Arnold Bode und Werner Haftmann, den Begründern der Documenta in Kassel, gibt es in Deutschland wohl niemanden, der so leidenschaftlich für die Rehabilitierung der Moderne kämpfte - und dem dafür so viel Geld zur Verfügung stand. In fetten Jahren verfügte Schmalenbach, wie er im Interview erzählt, über einen öffentlich finanzierten Ankaufsetat von 15 Millionen Mark, eine ungeheuerliche Summe, die dazu führte, dass Händler und Galeristen aus der ganzen Welt in Düsseldorf Schlange standen.

          Schmalenbach war überzeugt, dass sich die Moderne mit den großen Epochen der Kunstgeschichte messen konnte. In seinem Vortrag zu Kirchner spricht er von einer "florentinischen Blüte der Malerei" und rückt den Expressionismus in Nachbarschaft zur Renaissance. Er selbst fungiert als Giorgio Vasari, der die Lebenswege der Künstler elegant mit den Stationen ihrer Werke verknüpft und ihnen damit eine unverwechselbare Gestalt verleiht.

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