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: Proportion in Perfektion

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Die griechischen Themen sind allgemeinverbindliche Themen. Daher der Rückgriff darauf immer wieder, auch heute und immerwährend." So sprach einmal Joannis Avramidis, der Grieche in Wien. Wie des Bildhauers Ahnen der archaischen Antike, die ihre ewig grandiosen Kouroi meißelten, wie nach ihnen die ...

          Die griechischen Themen sind allgemeinverbindliche Themen. Daher der Rückgriff darauf immer wieder, auch heute und immerwährend." So sprach einmal Joannis Avramidis, der Grieche in Wien. Wie des Bildhauers Ahnen der archaischen Antike, die ihre ewig grandiosen Kouroi meißelten, wie nach ihnen die großen Künstler-Theoretiker, die nach Gesetzmäßigkeiten der Kunst suchten und um Methoden der Formverdichtung rangen, trieb auch Avramidis - der selbst vor allem Piero della Francesca und Hans von Marées in seinen Künstler-Stammbaum stellt - die Vision eines Urbildes, eines alle Zeit übergreifenden, idealen Menschenbildes.

          Die Leistung, solch "absolute Figur" in Abstraktionsverfahren der Moderne aktualisiert und gewissermaßen auf "neuen Stand" gebracht zu haben, hat ihm längst den Rang eines Klassikers eingeräumt. Überall in Museen und auf öffentlichen Plätzen stößt man auf seine archetypischen Stelen und Gruppen. Da mutet es um so überraschender an, daß eine umfassende Würdigung des berühmten, heute zweiundachtzigjährigen Künstlers bislang fehlte. Diese Lücke schließt jetzt die umfangreiche und üppig bebilderte Avramidis-Monographie von Michael Semff, der das Schaffen des Bildhauers seit über zwei Jahrzehnten beobachtet und begleitet.

          Semffs Weg zum tieferen Verständnis der im besten Sinne introvertierten Plastiken führt über die Zeichnung. Ihr gebührt besonderes Augenmerk, weil Joannis Avramidis weit mehr als die vorbereitende Skizze pflegt. Nicht von ungefähr gelang ihm neben dem plastischen OEuvre auch ein zeichnerisches Lebenswerk von höchstem Rang, denn die Arbeit mit Stift und Papier ist für ihn unersetzliche Voraussetzung seines gesamten Schaffens. Das verbindet ihn mit Giacometti, der die Zeichnung zum Muttergestein aller Kunst erklärte. Giacometti soll sich übrigens 1962 auf der Biennale von Venedig, wo die Skulpturen von Avramidis ihren Durchbruch erlebten, beeindruckt gezeigt haben von deren "Qualität und Drama" - womit er wohl die existentielle Verletzlichkeit ansprach, welche die lakonische Ausstrahlung dieser straffen Konstrukte menschlicher Gestalt selten verläßt.

          Der 1922 als Sohn griechischer Eltern im russischen Batum geborene Avramidis lebt seit 1943 in Wien. Bevor er dort unter den Fittichen Fritz Wotrubas auf Bildhauerei umsattelte, studierte er Malerei. Früheste Blätter aus der Akademiezeit, sofern sie die selbstkritische Vernichtung von zwei Dritteln der frühen Zeichnungen überlebten, handeln bereits vom menschlichen Körper, dem bis auf den heutigen Tag zentralen Thema. Ob prägnante Vertikalen behutsam bloße Körper halbieren, ob sich Leib und Schenkel als weiche, bohnenförmige Volumen geschmeidig biegen oder kubisch konstruierte Figuren und kantige Köpfe das organische System über Gerade und Winkel zerlegen: Allenthalben blitzen schon beim Malereistudenten Ansätze zu Segmentierung und Reduktion auf, die das plastische Prinzip des Bildhauers charakterisieren werden.

          Der Weg von der Naturaneignung zur Konstruktionszeichnung enthüllt, über welche Spannweiten Avramidis verfügt. Nachdem er Unterschenkel und Fuß in zeitloser Meisterschaft aus vielen Perspektiven wie eine edle Basis betrachtet hat, schält er sie kühl in knappen Skizzen bis auf die Knochen, zerlegt sie mit trockenem Strich in kubisches Plattenwerk und untersucht, von Leonardo-Zitaten begleitet, ihre Proportionen. Die Entwicklung seines "universellen Bauprinzips" leistet Avramidis innerhalb weniger Jahre zunächst maßgeblich auf dem Papier. In Hunderten von Analysen und Experimenten nähert er sich ihm schließlich von innen. Der Kohlestift macht die Körperhülle hauchdünn und durchsichtig, legt dann wie ein Computertomograph Schnitte durch Torsi, Beine, Fußgelenke, zieht Achsen ein und konstruktive Koordinaten, alles, um das Volumen vom Kern her, von innen nach außen zu erfassen. 1957 war die Formel zur errechenbaren, systematisch konstruierten Kunstfigur gefunden. Am "Rückgrat" senkrechter Platten werden horizontal aus Kreissegmenten geformte Scheiben angebracht und die Zwischenräume dieses Skelett-Gerüsts mit Kunstharz gefüllt. Variationsmöglichkeiten sind groß und entwickeln sich rasch; Figuren verdoppeln sich um zwei Längsachsen, mit einer dritten ist die Gruppe geboren, die sich nach oben zu hohen Säulen spiegeln läßt; Vollsymmetrie garantiert absolute Allansicht. Das Geschlossene, Statische der stillen Heere löst sich später im Bewegungsthema der "Bandfiguren".

          Angesichts der gebündelten Disziplin und strengen Würde der Statuen ließe sich der überwältigende zeichnerische Reichtum, den das Buch aufblättert, kaum vermuten. Von "Erholung durch die Zeichnung" spricht der Künstler, Erholung von der "Knechtschaft der Konstruktion". Doch auch hier lauert höchster Anspruch an sich selbst. Auf die verwunderte Frage eines Kollegen, warum er "immer noch" Akte zeichne, so erzählt Semff, habe Avramidis erwidert, "weil er es immer noch nicht" könne. Der Betrachter dürfte da freilich anderer Meinung sein.

          Michael Semff: "Avramidis". Skulpturen und Zeichnungen. Hirmer Verlag, München 2005. 332 S., zahlr. Abb., geb., 79,- [Euro].

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