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: Professor Ratzinger als Redenschreiber

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Die Rede des neuen Papstes zerstreute die Befürchtungen, die Kirche werde unter seinem Regiment keinen Schritt weiterkommen. Er hatte es nicht leicht als Nachfolger eines wegen seiner heiligmäßigen Menschlichkeit auf der ganzen Welt verehrten Mannes, und besonders "bewegend" war daher, wie ein Ohrenzeuge festhielt, "die herzliche Zwiesprache mit dem verstorbenen Vorgänger".

          Die Rede des neuen Papstes zerstreute die Befürchtungen, die Kirche werde unter seinem Regiment keinen Schritt weiterkommen. Er hatte es nicht leicht als Nachfolger eines wegen seiner heiligmäßigen Menschlichkeit auf der ganzen Welt verehrten Mannes, und besonders "bewegend" war daher, wie ein Ohrenzeuge festhielt, "die herzliche Zwiesprache mit dem verstorbenen Vorgänger". Über die Wirkung der Ansprache, mit der Paul VI. am 29. September 1963 die zweite Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils eröffnete, berichtete Joseph Ratzinger, Theologieprofessor in Münster, der als Berater des Kölner Kardinals Frings dem Konzil beiwohnte, 1964 in seiner Schrift "Das Konzil auf dem Weg". Im Persönlichen nahm auf einer Versammlung, die unter dem Schutz des Heiligen Geistes zu tagen beanspruchte, die Sache Gestalt an, wie aus der Wortwahl des Berichterstatters hervorgeht, der seine eigene Bewegung bezeugte: "Was mich am meisten traf, war die entschlossene Christozentrik, mit der hier geredet wurde."

          Der soeben erschienene zweite Band der Frings-Biographie von Norbert Trippen ("Josef Kardinal Frings [1887-1978]". Band II: Sein Wirken für die Weltkirche und seine letzten Bischofsjahre. Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen, Band 104. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005. 588 S., 46 Abb., geb., 32,90 [Euro]; zu Band I siehe F.A.Z. vom 7. Oktober 2003) erlaubt es, das folgenreiche Zusammenwirken des beinahe erblindeten Kirchenfürsten mit dem Gelehrten im Alter eines heutigen Juniorprofessors Schritt für Schritt nachzuvollziehen. In singulärer Weise kamen in der Person des Konzilsvaters Frings persönliche und sachliche Autorität zusammen: Der zeitlebens durch Schlichtheit des Wortes beeindruckende Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, der den festen Sinn der deutschen Volkskirche verkörperte, trug in der Konzilsaula subtile Ausarbeitungen vor - ohne daß seine Zuhörer eine Diskrepanz zwischen Person und Rolle bemerkt hätten. Auch er müsse Texte vorformulieren lassen, hatte Johannes XXIII. höchstselbst Frings entgegnet, als dieser das päpstliche Lob eines programmatischen Vortrags über das Konzil und die Zeit zurückweisen wollte, mit dem Ratzingers Karriere als Redenschreiber 1961 begonnen hatte.

          Der Dogmatiker legte nicht nur Gutachten auf seinem Fachgebiet vor, sondern war an der Ausarbeitung der Strategie beteiligt, durch die Frings erreichen wollte, daß sich auf der Bischofsversammlung tatsächlich ein Gemeinsinn des Weltepiskopats herausbilden konnte. Geschäftsordnungsfragen markierten Vorentscheidungen über die Natur der Kirche, die das Konzil definieren sollte: Auch in der Unform des Taktischen und Pragmatischen, des unerschöpflichen Stoffs vatikanischer Ereignisgeschichte, hatte das Persönliche unmittelbar sachliches Gewicht. Durchgängig empfahlen Ratzingers in winziger Schrift gehaltene Glossen eine Verknappung der von der kurialen Bürokratie produzierten Vorlagen. So schlug Frings in der Aussprache über die Religionsfreiheit vor, von der Nr. 9 des dritten Teils des Schemas solle ein einziger Satz stehenbleiben, das Herrenwort "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist". Ratzingers Redaktionsarbeit lief auf die Wiederherstellung der Christozentrik der christlichen Botschaft hinaus.

          In diesem Sinne tadelte Frings am Entwurf der Erklärung über die Juden die Wendung, das Konzil bestimme, daß wir die Feinde lieben sollten. Hier handele es sich um "das Gebot Christi selbst", das die Kirche wohl "in Erinnerung bringen", doch nicht "erlassen" könne. Entsprechend forderte der Kölner Kardinal ein klärendes Wort in der Ökumenismusdebatte: Die eine heilige katholische Kirche ist "nicht eine zukünftig zu erwartende Superkirche, die alle Kirchen koordiniert", sondern wurde "von Jesus Christus, unserem Herrn, selbst auf Petrus gegründet". In eigener Person hat Christus die Kirche auf Petrus als Person errichtet, wie Ratzinger 1977 in einem Vortrag (F.A.Z. vom 22. April) darlegte. Die Christologie ist das Fundament jenes Personalismus, der den juristischen Kirchenbegriff als unvollständig ausweist: Ob man nicht dem Text über das Lehramt "eine kurze Ausführung über die moralischen Grenzen des Jurisdiktionsprimats einfügen sollte", hatte Ratzinger 1962 in seiner ersten großen Stellungnahme für Frings zu bedenken gegeben.

          "Subjekt des Glaubens kann immer nur eine Person sein." Mit diesem einfachen Gedanken begründete Ratzinger das Bekenntnis der Kirche zur Religionsfreiheit, durch das sich das Zweite Vaticanum in spektakulärer Weise vom ersten abwandte. Widersinnig ist der Gedanke des christlichen Staates, den die Vorlage von Kardinal Ottaviani, dem Präfekten des Heiligen Offiziums, noch hatte festhalten wollen. Weder Staatsreligion noch Neutralität des Staates: Diese Position hat der heutige Papst bekräftigt, indem er als Präfekt der Glaubenskongregation sowohl das Kopftuchverbot als auch die Gottesbezugslosigkeit der europäischen Verfassung kritisierte.

          Zwei Tagebuchschreiber unter den Deutschen beim Konzil erkannten Ratzingers Handschrift in der Rede wieder, die Kardinal Frings am 24. September 1965 über Schema XIII hielt, das unter dem Titel "Gaudium et Spes" berühmt gewordene Dokument über Kirche und Welt. Der Redner rügte eine Verquickung von theologischen und weltlichen Weltbegriffen, die zur Verwechslung von menschlichem Fortschritt und göttlichem Heil führe. Der christologischen Reduktion des Kirchenbegriffs entspricht bei Ratzinger keine eschatologische Aufladung der Welt. Daher ist seine Biographie mit den geschichtsphilosophischen Kategorien einer Politik des Zeitgeists nicht zu fassen. Die Person Benedikts XVI. zerfällt nicht in den progressiven Konzilstheologen und den konservativen Glaubenswächter.

          PATRICK BAHNERS

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