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: Positionen und Begriffe

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Wendet man Skinners Methode auf das Corpus seiner Ford-Adorno-Vorlesungen an, so ist das Frankfurter Ambiente - zwanglos konnten an seine Erläuterungen zu den Paradoxien der Freiheit im "Leviathan", die je nach Perspektive im Staat vollkommen vernichtet oder restlos konserviert wird, Gedanken über den Verhängniszusammenhang der Moderne anschließen - weniger interessant als der Oxforder Kontext. Skinner setzte die Geschichte wieder in ihre Rechte im Reich der politischen Theorie ein: So wird seine Lebensleistung in den Lexika zusammengefasst. In Oxford, so scheint es, nahm Skinner sich das Umgekehrte vor: das klassische Problem der englischen politischen Geschichte durch eine reine Begriffsanalyse zu erhellen.

Wie Hobbes im "Leviathan" zu einer Definition der Freiheit (als Abwesenheit äußerer Hemmnisse) gelangte, die einige Widersprüche seiner früheren Schriften vermied, ist das Thema des Buches. Frappant ist, welche Kontexte nicht vorkommen - selbst wenn man nur nach theoretischen Kontexten fragt. Ist die Unterwerfung unter einen Eroberer, der mir keine Ketten anlegt, also meine Bewegungen nicht mit physischer Gewalt behindert, ein Akt der freien Zustimmung? Hobbes illustriert seine positive Antwort mit einem moralphilosophischen Denkbeispiel aus den Emblembüchern seiner Zeit (der Vorzug der englischen Buchausgabe sind die Abbildungen): Ein Seefahrer, der seine Ladung ins Meer wirft, um einem Seeungeheuer zu entkommen, opfert seinen Besitz willentlich, weil er sein Leben retten will - er wäre frei, sich auffressen zu lassen.

Mit keinem Wort erwähnt Skinner die theologische Schule, die von den Puritanern als Säule des monarchischen Kirchenregiments wahrgenommen wurde und sich durch ihre prädestinationskritische Lehre vom freien Willen definierte: den Arminianismus. Dieses Schweigen ist eine deutliche Stellungnahme im Streit darüber, was für ein Christ Hobbes war. Gegen wen könnte es sich richten, wenn Skinner Freiheit und Revolution in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts erörtert und die Theologie in die Fußnoten verbannt? Der Ford Lecturer des Jahres 1987/88, Conrad Russell, Sohn von Bertrand Russell, hob unter den "Causes of the English Civil War" die Religion hervor. Einen Dissens über die Staatsverfassung wollte Russell dagegen nicht als Ursache des Bürgerkrieges sehen, sondern als dessen Ergebnis.

Skinner gibt den republikanischen Meinungen nun wieder denkbar großes historisches Gewicht: Um der offenkundig damals weithin plausiblen Theorie von der (positiven) Freiheit als Selbstregierung etwas entgegenzusetzen, entwickelte Hobbes seine ungeheuer wirkungsreiche Theorie von der (negativen) Freiheit als Nichtbehinderung.

In der Klarheit der Exposition und der logischen Schärfe reicht Skinner an Hobbes heran. Skinner legt die polemische Intention "unter der täuschend glatten Oberfläche" des "Leviathan" frei. Mit seinem Buch kann man ebenso verfahren. Die Umsicht, mit der es die Argumentation von Hobbes rekonstruiert, soll beweisen, dass James Harrington recht hatte, als er Hobbes vorhielt, er bleibe den Beweis seiner Freiheitstheorie schuldig. Eine Definition ist keine Demonstration.

PATRICK BAHNERS

Quentin Skinner: "Hobbes and Republican Liberty". Cambridge University Press, Cambridge 2008. 246 S., 19 Abb., br., 12,99 brit. Pfund.

Quentin Skinner: "Freiheit und Pflicht". Thomas Hobbes' politische Theorie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 142 S., br., 15,80 [Euro].

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