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Karl Valentin : Die Chimäre aus der Au

Mit voller Souveränität über die eigene Erscheinung: Karl Valentin in einer seiner Rollen. Bild: dpa

Wilhelm Hausenstein hat Karl Valentins Laufbahn mit wachem Geist beobachtet. Sein Essay über den großen Komiker und Verwandlungskünstler lohnt auch nach mehr als siebzig Jahren die Lektüre.

          Aschermittwoch 1948, Planegg bei München. „Am Grab waren sehr viele von denen, die hätten da sein müssen, nicht da. Schreckliche Undankbarkeit träger Herzen. Träger Münchner Herzen.“ Zwei Tage zuvor, am Rosenmontag, war Karl Valentin gestorben, der geniale Komiker. Wilhelm Hausenstein (1882 bis 1957), der Schriftsteller und Diplomat, hat die Trostlosigkeit der Beerdigung in einem Essay festgehalten, der noch im Todesjahr unter dem Titel „Die Masken des Münchner Komikers Karl Valentin“ erschien. Er fühle sich, als hätte er einen Bruder verloren, schrieb er an seine Tochter.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Über Jahrzehnte hatte Hausenstein die Bühnen- und Filmlaufbahn des Komikers verfolgt, eine Vertrauensbasis zu dem scheuen, apolitischen Valentin aufgebaut, der ihn bis zum Schluss „Herr Dokter“ anredete. Dessen Monitum, das theaterwissenschaftliche Institut der Universität München solle Stücke und Spuren Valentins sammeln, verhallte ebenso ungehört, wie sich München insgesamt nicht um den Nachlass kümmerte. Der liegt in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität Köln in Schloss Wahn.

          Karl Valentin als „Musikal-Clown“ Bilderstrecke

          Darunter auch jene vierundsechzig Fotografien, die der vorliegende Band – nebst Hausensteins Text und einem Vorwort Wolfgang Tills, des ehemaligen Leiters des Münchner Stadtmuseums – aufbietet, um an das „Chimärische“ dieses Perfektionisten zu erinnern. Dabei ist Hausenstein selbst nach siebzig Jahren ein guter Begleiter, auch wenn seine Prosa stellenweise ein wenig parfümiert daherkommt („imponderabil“, „maniakalisch“). Zunächst deutet er Valentin als Produkt eines innerdeutschen Migrationsprozesses: der Vater ein Hesse, die Mutter eine Sächsin. Ob man deswegen so weit gehen muss, Niebergalls Datterich von 1841 als Geistesverwandten ins Feld zu führen, steht dahin. Alles, was der 1882 in der Münchner Vorstadt Au geborene Valentin Ludwig Fey schuf, holte er aus sich selbst heraus, er konnte nur sich selbst spielen. Schon als Knabe, gab er zu Protokoll, „erlernte er aus Gesundheitsrücksichten mit zwölf Jahren die Abnormität“.

          Hausenstein kennt Valentins Hypochondrie, seine Menschenscheu, seinen philologischen Perfektionismus, er rückt ihn in die Nähe von Nestroy und Jean Paul, und er labt sich an seiner Gabe, „Unsinn in prachtvoller Potenz“ abzuliefern, etwa wenn er den Duktus wissenschaftlicher Prosa so imitiert: „Der Regen ist eine primöse Zersetzung luftähnlicher Mibrollen und Vibromen, deren Ursache bis heute noch nicht stixiert wurde.“ Valentin bestand übrigens darauf – dies für alle, die ihn Walentin aussprechen –, Falentin genannt zu werden. Dass er als Bühnentier der Zote abhold gewesen sein soll, wie Hausenstein schreibt, hat Monika Dimpfl in ihrer Biographie aus dem Jahr 2007 widerlegt. Und dass Bairisch eine Sprache und kein Dialekt ist, wusste er längst. Bitte laut nachsprechen: „Mogarabiranodakari“ (Mag er ein Bier auch noch, der Karl?).

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