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: Polygamie, abseitig

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In ihrem faszinierend vielschichtigen Buch über die amerikanische Tradition der Religionsfreiheit lässt die Philosophin Martha Nussbaum alles bei den Stoikern und ihrem eigenwilligen Parteigänger Cicero anfangen. Nussbaums zugleich verfassungstheoretische, historische und philosophische Studie ist ...

          In ihrem faszinierend vielschichtigen Buch über die amerikanische Tradition der Religionsfreiheit lässt die Philosophin Martha Nussbaum alles bei den Stoikern und ihrem eigenwilligen Parteigänger Cicero anfangen. Nussbaums zugleich verfassungstheoretische, historische und philosophische Studie ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Idee der Gleichheit, die individuelle Freiheit ermöglicht. Die Studien gründet im kosmopolitischen Denken der Stoa, das jedem Menschen unveräußerliche Würde zuerkennt.

          Weil der Verfassungsvater James Madison seine lateinischen Klassiker gelesen hatte, wies er jede Rede von einer "Tolerierung" bestimmter Religionen und Bekenntnisse scharf zurück. Schließlich, so formulierte er 1776 in den Debatten um die "Virginia Declaration of Rights", seien alle Menschen gleichermaßen zur freien Religionsausübung berechtigt, gemäß den Forderungen ihres Gewissens. Niemals solle, schrieb George Washington 1790 der jüdischen Gemeinde von Newport, eine religiöse Minderheit sich von der andersgläubigen Mehrheit nur gnädig geduldet fühlen, wenn sie ihre ureigensten Rechte ausübe.

          Darum spricht auch Martha Nussbaum lieber ganz hierarchiefrei von "Respekt". Und unterstreicht damit, dass in der amerikanischen Konzeption der Religionsfreiheit nie eine Privilegierung der Mehrheitsreligion denkbar war, wie sie in Europa von Politikern und Verfassungsrechtlern häufig als Lösungsformel für Kulturkonflikte propagiert wird. Nussbaums intellektueller Kronzeuge ist, neben ihrem Lehrer John Rawls und dem katholischen Philosophen Jacques Maritain, der Theologe und protestantische Dissident Roger Williams, der erstmals den Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche formulierte.

          Nuanciert und dabei wunderbar lesbar kartographiert Nussbaum die Lage des verfassungsrechtlichen Fixsterns der Religions- und Gewissensfreiheit. Orientierung geben klassische Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs und andere nicht oder noch nicht durch Richterspruch entschiedene Konfliktfälle. Die Rechtstheoretikerin interpretiert sie im doppelten Blick auf zeitgenössische wie heutige Bedeutung, vom Streit um die Förderung religiöser Schulen und die Aufstellung einer Weihnachtskrippe im Gerichtsgebäude bis zum anhaltenden Disput um die pseudowissenschaftliche Lehre vom "Intelligent Design".

          Nachdrücklich hebt Nussbaum dabei die Argumentation der vormaligen Verfassungsrichterin Sandra Day O'Connor hervor, die sich in ihren 25 Dienstjahren am Obersten Gerichtshof immer wieder zum Ersten Verfassungszusatz geäußert hat. Der schreibt die Religionsfreiheit sowie das Gebot der Trennung von Kirche und Staat fest - für O'Connor Ausdruck größtmöglicher Freiheit in einer pluralistischen Gesellschaft, die auf dem Gebot staatsbürgerlicher Gleichheit gründet.

          Diese Freiheit sieht Martha Nussbaum gegenwärtig akut gefährdet, bedrängt von Links und Rechts, durch arrogante Säkularisten und kompromisslose Evangelikale. In einer durch subjektiv empfundene Gefährdungen verunsicherten Gesellschaft wachse mit dem Misstrauen gegenüber dem Fremden die Sehnsucht nach Homogenität. Im historischen Rückblick markiert Nussbaum für den Zeitraum zwischen1850 und 1945 eine Phase einschneidender religiöser Diskriminierungen, die vor allem Mormonen, Zeugen Jehovas und Katholiken trafen. Die immer neuen Einwanderungswellen hatten eine Vielfalt kultureller und religiöser Traditionen befördert, die Angst und Unsicherheit hervorrief. Zu abseitig schienen die übertrieben skandalisierte Polygamie der Mormonen, der unermüdliche Missionseifer der Zeugen Jehovas und der vermeintlich vernunft- und demokratiefeindliche Ultramontanismus der Katholiken.

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