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: Platz da, die Formel kommt!

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Der Katholizismus fasziniert auch als Evolutionstheorie. Hier entwickelt sich nichts Neues, das nicht als Ausfluss der Tradition dargestellt werden kann. Der Bruch mit dem Überlieferten mag mit Händen zu greifen sein - man nehme das Beispiel der Religionsfreiheit, die im Katholizismus erst seit fünfzig ...

          Der Katholizismus fasziniert auch als Evolutionstheorie. Hier entwickelt sich nichts Neues, das nicht als Ausfluss der Tradition dargestellt werden kann. Der Bruch mit dem Überlieferten mag mit Händen zu greifen sein - man nehme das Beispiel der Religionsfreiheit, die im Katholizismus erst seit fünfzig Jahren amtlich ist -, er wird gleichwohl nicht als Bruch, sondern als Akt der Kontinuität dargestellt, um theologisch Bestand zu haben. Das Neue muss sich als etwas herausstellen, das im Alten bereits angelegt war - anderenfalls hätte sich die Theologie in eine Sackgasse der Evolution manövriert. Mit anderen Worten: Entwicklung in Lehre und Ritus ist nur denkbar als eine Vertiefung, als ein besseres Verständnis dessen, was früher galt. Deshalb lautet das Entwicklungsgesetz im Katholizismus: Revolution durch Interpretation.

          Das Verfahren hat große und kleine Geister herausgefordert, es hat glänzende Überlegungen hervorgebracht, Engführungen und tragische Selbstmissverständnisse. In jedem Fall ist es ein unfallgefährdetes Verfahren, wie die Subkultur der Pius-Bruderschaft illustriert. Deren äußeres Kennzeichen ist die Pflege des alten römischen Ritus - die tridentinische Messe -, und schon die Debatte um diesen Ritus fasziniert, wenn man sie als Debatte über Mechanismen der Traditionsbildung liest. Wie hier Argumente und Pseudoargumente in Stellung gebracht werden, zeigte eine Frankfurter Diskussion zwischen Anhängern und Kritikern der alten, als "ausserordentliche Form des römischen Ritus" wieder rehabilitierten Liturgie. Konkret geht es um die Frage, wie das Römische Messbuch in der Ausgabe von 1962 (vulgo: "vorkonziliare Liturgie") sich mit der Ausgabe von 1970 ("nachkonziliare Liturgie") verträgt. Ein von Eckhard Nordhofen herausgegebenes Bändchen dokumentiert diese Diskussion, bei der der Philosoph Robert Spaemann, der Schriftsteller Martin Mosebach sowie die Liturgiewissenschaftler Arnold Angenendt und Albert Gerhards sich gegenübersaßen.

          "Es ist zutiefst unvernünftig, seinen Seelenfrieden für den Kampf um die Liturgie aufs Spiel zu setzen", erklärt Angenendt zu Beginn und widerspricht damit der Ansicht, der alte Ritus sei vom Himmel gefallen. Er sei vielmehr ein historisch gewordener und darum prinzipiell auch wieder veränderbar, jedenfalls als solcher nicht der Zeit enthoben. Versteht man Angenendt richtig, wendet er sich damit gegen einen überzogenen Stellenwert von Liturgie im Gefüge der Religion, gegen die Verdinglichung Gottes im Ritus, die einer frommen Art des Unglaubens gleichkommt.

          Angenendt macht darauf aufmerksam, dass die Liturgie nicht mit dem Messbuch von Trient begann, auf das sich die Traditionalisten wie auf eine Bibel berufen. Wie die römische Liturgie am Anfang ausgesehen habe, wisse man nicht. Im dritten Jahrhundert sei das Hochgebet der Messe noch improvisiert worden: "Es liegt nicht fest; das muss man nicht auswenig lernen, da kommt's gar nicht auf Wörter an, die so und nicht anders gesprochen werden müssen. Der Priester, der Bischof kann das jeweis selbst frei formulieren." In der Urchristenheit sei "diese Art von Wortgenauigkeit" noch gar nicht angestrebt worden.

          Demgegenüber erklärt Mosebach: Liturgie ist nur als formelhaftes Geschehen denkbar. Er tendiert dazu, den Ritus mit dem religiösen Mythos schlechterdings zur Deckung zu bringen. Insofern hält er daran fest, dass "ich den Ritus als etwas von mir nicht Beeinflusstes, von mir nicht Gemachtes erleben (muss)". Das wiederum ist aber, wie an Mosebachs Argumention ablesbar, nur um den Preis einer im Ergebnis ahistorischen Einstellung möglich. Nur jemand, der sich weigert, eine Liturgiegeschichte zur Hand zu nehmen, wird die Liturgie als etwas Ungemachtes, vom Himmel Gefallenes ansehen können. Ohnehin scheint der Fluchtpunkt der ahistorischen Argumentation ein (lediglich) religionspsychologischer zu sein.

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