https://www.faz.net/-gr3-9c91s

Plattencover von Hipgnosis : Hülle, hier ist dein Sieg

Pink Floyd „Atom Heart Mother“ (1970) Bild: © Pink Floyd Music Ltd

Von Auraverlust kann keine Rede sein: Das Londoner Grafikstudio Hipgnosis revolutionierte die Gestaltung von Plattencovern – und die Kunstgeschichte gleich mit.

          Mit der Renaissance des Vinyls ging auch eine Wiedererstarkung des Designs der Plattenhüllen einher. Der annähernd quadratische Band „Vinyl Album Cover Art“ versammelt nun das Gesamtwerk der Londoner Grafikagentur Hipgnosis, sicherlich die einflussreichste Bilderschmiede des zwanzigsten Jahrhunderts für Plattencover.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Die im Buch ausgebreitete Bildergalerie gleicht im Kern einem Ausstellungskatalog zu einer Plattencover-Schau, wie sie etwa die British Library in London 2016 zum dreißigjährigen Jubiläum der Punkbewegung ausrichtete oder wie sie im Leipziger Grassi Museum für Design als ständige Installation zu entdecken ist. Die kurzen, aber immer mit Ersthand-Informationen gespickten Begleittexte mit persönlich gehaltenen Musiker-Anekdoten runden das Buch zu einem qualitätvollen Kompendium des Klatsches ab, der zur Rock- und Popgeschichte integral dazugehört. Ein Vorwort von Peter Gabriel, der seit seiner Solokarriere auf Hipgnosis vertraute und dessen Außenbild maßgeblich von den drei Gestaltern und Gründern bestimmt wurde, gibt aufschlussreiche – teils erstaunlich ungeschminkte bis unschmeichelhafte – Einblicke in das Verhältnis von Auftraggeber und Künstlern.

          In Bildern um die Ecke denken

          Und tatsächlich zeigt der Band, dass es vor allem die Mischung aus zwei Zutaten war, die den Hipgnosis-Stil unverwechselbar werden ließen: Surrealistisches In-Bildern-um-die-Ecke-Denken, abgeschmeckt mit einer Prise Frechheit.

          The Nice „Elegy“ (1971) Bilderstrecke

          Das Cover für die Band XTC von 1978 beispielsweise war solch ein Schienbeintritt gegen die Musikindustrie: Es ist – anglikanisch gegen jede Bildverehrung gerichtetes – ein knäckebrottrockenes, dennoch schillerndes Manifest à la Monty Python für Wort-Gläubige. Der Text beginnt weiß auf schwarz wie die Zehn Gebote: „Dies ist eine Plattenhülle“, um dann mit einer aufklärerischen Offenlegung der Vermarktungsmechanismen eines Covers fortzufahren, das die Platte darin durch möglichst reißerisches Design verkaufen soll und dafür wiederholt das Warnwort „Trick“ in Großbuchstaben verwendet. In diesem Manifest der offenbarten Unverfrorenheit äußert sich eine britische Coolness, die weniger Wohlmeinende als Arroganz auslegen könnten, die aber fraglos einen wesentlichen Grund für den Erfolg von Hipgnosis bildete.

          Atmosphärisches Verbildlichen

          Die meisten der Hipgnosis-Bilder wurden zu synästhetischen Ikonen. Die Hülle des „Electric Warrior“ von T-Rex kann annähernd erklären, wie dieses atmosphärische Verbildlichen des musikalischen Inhalts funktioniert: Im Anfang war auch hier das Wort. Marc Bolan, Sänger und Gitarrist von T-Rex, wünschte sich im Vorbereitungsgespräch eine „Black-Magic-Pralinenschachtel“, also etwas Geheimnisvolles, das seinen kostbaren Inhalt nicht auf Anhieb enthüllen würde. Der Hipgnosis-Grafiker wagte einen tiefschwarzen Hintergrund – zu dieser Zeit nicht risikoarm –, und da er mit dem Airbrush umgehen konnte, sprayte er eine vor elektrischer Spannung knisternde, weil in der Kontur ausfransende Aureole um die Silhouette Bolans als Paganini der Stromgitarre und die Verstärkerboxen hinter ihm, die durch ihre dynamisierende Schrägstellung wie dämonisch feixende Gesichter wirken. Schließlich erhielt der Drucker noch die Anweisung, diese gesprayte Aureole in Gold zu drucken, womit auch die landläufige Wort-Herkunft der „Aura“ vom lateinischen Wort für Gold unmittelbar anschaulich wurde.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.