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Pierre Bayard: Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist : Im Land Xichang sind die Frauen ganz anders Neue Sachbücher

  • -Aktualisiert am

Bild: Antje Kunstmann Verlag

Das Exotische liegt immer ganz nah: Pierre Bayard bleibt bei seinem Erfolgsrezept und erklärt dieses Mal, wie man durchaus anregend über Orte sprechen kann, an denen man nie gewesen ist.

          Eine Unterlassung ist auch eine Handlung. Wer Bücher, über die er spricht, nicht gelesen hat, so versicherte der französische Literaturprofessor Pierre Bayard vor ein paar Jahren, sei nicht bloß ein Etwas-nicht-gelesen-Habender, sondern ein informierter Nichtleser. Auch der souveräne Umgang mit nicht vollzogenen Lektüren, die einem gleichwohl vom Hörensagen geläufig sind, ist demnach eine im Kern bibliophile Aktion. Wer nicht liest und dennoch über Bücher redet, ist nicht zwingend der schlechtere Leser.

          Nach diesem Ritterschlag für alle Halb- oder Viertelgebildeten, also für fast alle unter uns, hat sich Pierre Bayard nun ein neues Experimentierfeld der produktiven Unterlassung vorgeknöpft: die nie stattgefunden habende Reise. „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“ versteht sich wie schon sein Vorläufer mit dem Titel „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ als Positivierung eines negativen Urteils.

          In fremde Welten imaginiert

          Vier Arten des Nichtreisens werden vorgestellt, so wie zuvor die vier Arten des Nichtlesens: Die nicht bereiste Welt hält Orte bereit, die man nicht kennt, Orte, die man überflogen hat, Orte, die man vom Hörensagen kennt, und Orte, die man vergessen hat. Dennoch, so Bayards Befund, reden Reisemuffel ununterbrochen von diesen Orten, beschwören sie in Reportagen, Romanen oder Briefen, lassen ganze Liebesgeschichten in ihnen stattfinden, die in zugänglicheren Topographien kaum auf einen grünen Zweig kommen würden.

          Baudelaire warnte in seinem Gedicht „Die Reise“ vor „bitterem Wissen“, das uns das Reisen einbringe, dem Wissen um die eigene innere Leere, vor der man nicht fliehen könne und die umso deutlicher vor Augen trete, je weiter man sich von seinen Wurzeln entferne. Nun, so Bayards Pointe, man müsse ja nicht zwingend reisen, um von den Erkenntnissen, die eine Fremde durchaus auch bieten könne, zu profitieren. Die Gedankenreise ist ein altes literarisches Motiv. Es hat unzählige Autoren gegeben, die aus politischen, sozialen oder gesundheitlichen Gründen am Wegfahren gehindert wurden und die sich also in fremde Welten imaginierten.

          Das Geschenk der Fiktion

          Das kann, um einmal zu beginnen, von den Abenteuern des Don Quijote behauptet werden oder von der „Reise um mein Zimmer“, auf die Xavier de Maistre seinen adeligen Helden während der Revolutionswirren schickt und die Georges Perec in „Ein Mann der schläft“ im Paris der sechziger Jahre aufgreift. Es gehört zum Literaturverständnis, dass die Gattung etwas kann und darf, das anderen verwehrt ist: Räume nur in der Phantasie zu bereisen und Kenntnisse zu behaupten, die nicht auf persönlicher Anschauung beruhen. Interessanter ist Bayards Beschäftigung mit dem schmalen Bereich, der zwischen dem Reisen und dem Nichtreisen verläuft - zwischen Anschauung und Reflexion.

          Mediävisten sind sich bis heute darüber uneins, ob Marco Polo den Fernen Osten je bereist hat oder ob er seine Beschreibungen am heimischen Ofen ins Kraut schießen ließ. Doch wurden seine Schilderungen über die Fremde stilbildend: „Ich will euch diese seltsame Rasse schildern. Die Menschen haben Köpfe wie Hunde und Zähne und Augen ebenfalls wie Hunde. Ihr könnt mir glauben: sie sehen aus wie Bulldoggen ... Jeden, der nicht ihres Stammes ist, verzehren sie.“ Hier gilt wohl, was Chateaubriand einst eingestand: „Ich habe Erfundenes mit wirklichen Begebenheiten vermischt, und unglücklicherweise nehmen die Fiktionen mit der Zeit den Charakter des Wirklichen an, der sie verwandelt.“ Über das Land Xichang weiß Marco Polo im chateaubriandschen Sinne zu berichten: „Und nun vernehmt, nach welcher Sitte die Frauen behandelt werden. Ein Ehemann und Vater fühlt sich keineswegs in seiner Ehre verletzt, wenn ein Fremdling oder sonst ein Mann mit seiner Frau, seiner Tochter, mit seiner Schwester oder irgendeinem Weibe seines Haushalts zusammen schläft, sondern er schätzt es sogar.“ Überhaupt scheint bei der Beschreibung fremder Sexualpraktiken der Hase im Pfeffer zu liegen.

          Über Wissenschaftlichkeit und Anschaulichkeit

          Die Anthropologin Margaret Mead wurde in den siebziger Jahren mit einer Studie über Sexualpraktiken auf der Insel Samoa berühmt. Sie wusste von schamloser Freizügigkeit zu berichten (“keine neurotischen Symptome, keine Frigidität, keine Impotenz“), stimulierte damit über Jahrzehnte den libertären Diskurs der westlichen Welt und wurde später von ihrem Kollegen Derek Freeman heftig dafür kritisiert, sich bei ihren Forschungsaufenthalten auf die Aussagen korrupter Informantinnen verlassen zu haben, die der Forscherin genau das in den Block diktiert hätten, was diese sich vorgenommen hatte, auf Samoa zu finden: eine Alternative zur tabubeladenen Körperlichkeit der eigenen Kultur. Freemans Hauptkritik: Mead sei ihren Quellen und Informanten aufgesessen.

          Noch einmal lässt das an Georges Perec denken. In „Das Leben: Gebrauchsanweisung“ berichtet er von einem Anthropologen, welcher sich einem Stamm an die Fersen heftet, der ständig seinen Aufenthaltsort wechselt, bis dem Forscher auffällt, dass er es ist, der den Stamm durch seine Anwesenheit immer wieder in die Flucht schlägt. Wissenschaftlichkeit und Anschaulichkeit, so zeigt Bayard, scheinen ein kompliziertes Verhältnis miteinander zu unterhalten.

          Leichtes Reisegepäck

          Anders ist das im Reich der Fiktion, wo ein eingebildeter Ort noch nie ein rechtes Problem darstellte. Die „distanzierte Beobachtung“ gelangt gerade dort zu ihrer Blüte, wo es um ästhetisch vermittelte Erkenntnis geht. Karl May wäre zu nennen, der zwar selbst den Wilden Westen nie betreten hat, aber den „Geist“ des Ortes beschwor samt Dilemma seiner europäischen Besiedlung.

          So richtig weiter bringt einen Bayards Verteidigung des „sesshaft Reisenden“ allerdings nicht. In der Literatur ist er längst etabliert. In Wissenschaft und Journalismus sorgt er zuverlässig für Skandale. Und wie es um unsere Ortskenntnisse in Zeiten von Google Earth bestellt ist, will Bayard gar nicht erst wissen. So fällt dieser schmucke Essay doch am ehesten in die Kategorie des bürgerlichen Geschenkbuchs - durchaus fürs leichte Reisegepäck.

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