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Pianistin Clara Schumann : Musik als Beziehungstat

Die Sonderbriefmarke zum 200. Geburtstag von Clara Schumann Bild: dpa

Zuerst die Noten, dann das Alphabet: Eine exzellente Edition ihres Jugendtagebuchs, ein Katalog und ein Porträt zeigen die Pianistin und Komponistin Clara Schumann in neuem Licht.

          7 Min.

          Auf Pommern hatte Clara Schumann keine Lust. „Engagements in Stralsund, Greifswald etc.“ standen im März 1855 bei der Pianistin an, ein gutes Jahr nachdem ihr Mann Robert Schumann sich hatte umbringen wollen und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen worden war. Doch der alleinverdienenden Mutter von sieben Kindern graute „entsetzlich“ vor der Reise, einmal der Kälte in der Kutsche wegen, aber auch weil sie vom Publikum nicht viel erwartete.

          Jan Brachmann
          (jbm.), Feuilleton

          Sie sollte enttäuscht werden. Auf angenehmste Weise. In Greifswald und Stralsund, vertraute sie ihrem Tagebuch an, wurde sie von „behaglichst gemütlichem, musikalisch empfänglichem Bürgerpublikum“ aufgenommen; und auch im benachbarten Grimmen war sie von „dem animierten wesentlich aus Gutsbesitzern bestehenden Publikum“ angetan, wie ihr Biograph Berthold Litzmann, gestützt auf ihre Briefe und Tagebücher, schrieb.

          Wer sich ein Bild von den vielen Konzertreisen machen will, die Clara Schumann in ihrem sechsundsiebzigjährigen Leben zwischen Dublin und Moskau, Edinburgh und Klagenfurt unternommen hat, kann das in dem Buch „On tour. Clara Schumann als Konzertvirtuosin auf den Bühnen Europas“ tun.

          Der üppig ausgestattete Katalog zur wunderschönen Ausstellung des Stadtmuseums Bonn im Ernst-Moritz-Arndt-Haus enthält auf fast jeder Seite Stadtansichten, Porträts, Programmzettel, Karikaturen, dazu Tabellen und Statistiken, eingefügt in wissenschaftliche, aber flüssig erzählende Aufsätze über eine Künstlerin, die die Institutionen ihrer Zeit umprägte und dabei selbst zur Institution wurde. Sie führte das Konzertformat des reinen Klavierabends (ohne Beteiligung von Sängern oder Geigern) ein und setzte es durch; sie definierte dabei ein Repertoire von Beethoven über Mendelssohn, Chopin, Schumann bis zu Brahms als „klassisch“ und damit als verbindlich.

          Aufzeichnungen ihres Konzertdebüts im Alter von neun Jahren

          Die Qualität neuer Literatur zu Clara Schumann, die am 13. September 1819, also vor zweihundert Jahren, in Leipzig als Clara Josephine Wieck zur Welt kam, ist exzellent. Editionstechnisch und methodologisch lässt sich eine Professionalität beobachten, der man Vorbildcharakter zusprechen muss. Die Erstausgabe der Jugendtagebücher Clara Schumanns aus den Jahren 1827 bis 1840 durch Gerd Nauhaus und durch die Anfang dieses Jahres verstorbene Nancy B. Reich ist ein Glanzstück – sowohl was das Gewicht der Quelle angeht als auch die Sorgfalt des Kommentars.

          Beatrix Borchard: „Clara Schumann“. Musik als Lebensform. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2019. 462 S., geb., 29,80 €
          Beatrix Borchard: „Clara Schumann“. Musik als Lebensform. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2019. 462 S., geb., 29,80 € : Bild: Georg Olms Verlag

          Die Tagebücher setzen am 7. Juni 1827, als Clara Wieck sieben Jahre alt war, ein und enden einen Tag nach der Hochzeit mit Robert Schumann, zugleich ihrem 21. Geburtstag, am 13. September 1840. Von dem Tag an führte sie mit ihrem Mann gemeinsame Ehetagebücher, die bereits ediert worden sind. Friedrich Wieck, der Vater und Klavierlehrer, führte die Bücher anfangs selbst im Namen seiner Tochter und las auch noch mit, als sie selbst anfing zu schreiben. Die Notenschrift beherrschte sie eher als das Alphabet, sprechen lernte sie spät, laufen früh. Ihre körperliche Kondition war so überdurchschnittlich gut, dass sie schon als Fünfjährige mehrstündige Spaziergänge absolvierte.

          Die Tagebücher verzeichnen die Scheidung ihrer Eltern 1824, ihr eigenes Konzertdebüt im Alter von neun Jahren, die frühen Begegnungen mit Niccolò Paganini, Johann Wolfgang von Goethe und Frédéric Chopin. Aber nicht nur über Europas Musikleben dieser Zeit, über Nöte und Strategien der Konzertorganisation, über die Mühen des Reisens erfährt man etwas aus dieser Quelle, sondern auch darüber, wie sich eine junge Frau langsam aus den Händen ihres Vaters löst, der sie künstlerisch – in der pianistischen Technik wie in der geistigen Erziehung und der musikalischen Geschmacksbildung – als sein Geschöpf betrachtet.

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