https://www.faz.net/-gr3-7ivdf

Philippe Van Parijs: Sprachengerechtigkeit für Europa und die Welt : Synchronisiert wird hier nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Das ist einmal eine ganz andere Theorie der Gerechtigkeit: Philippe Van Parijs sieht im Siegeszug der englischen Sprache schon die egalitäre Weltgesellschaft heraufziehen.

          4 Min.

          Englisch ist die erste Sprache in der Geschichte, die von mindestens so vielen Menschen außerhalb wie innerhalb der Grenzen, in denen sie Amtssprache ist, gesprochen wird. Sie dominiert die internationale Kommunikation in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur bereits jetzt in einem Ausmaß, das Latein nie erreicht hat.

          Die Vorteile eines solchen globalen Mediums liegen auf der Hand - aber je beherrschender es wird, desto deutlicher treten auch die Benachteiligungen hervor, die es für die Mehrheit der Weltbevölkerung birgt. Denn im Gegensatz zum Latein, das nach Roms Untergang niemandes Muttersprache mehr war und als echte Lingua franca von allen gleichermaßen gelernt werden musste, ist Englisch die Muttersprache für Millionen von Menschen, die in ihr aufwachsen, denken und leben. Es ist kein neutrales Medium, sondern fest verwoben mit den kommunikativen Normen und rhetorischen Mustern der angloamerikanischen Kulturen.

          Die Vorteile der Muttersprachler

          Diejenigen, die Englisch als Fremdsprache erlernen müssen, nehmen eine beträchtliche zeitliche und finanzielle Belastung auf sich, die oft genug trotzdem nicht ausreicht, um den „Heimvorteil“ englischer Muttersprachler einzuholen. So bevorzugen internationale Institutionen, Verbände und Unternehmen bei vielen Stellenbesetzungen englische Muttersprachler, andere Sprachkenntnisse spielen kaum noch eine Rolle.

          Ähnliches gilt für den Kulturbetrieb: Wer auf Englisch schreibt, singt oder schauspielert, dem steht der globale Markt ohne die Hürden der Übersetzung offen. Zugleich ist der Sprachlerntourismus für die anglophonen Länder längst zu einem einträglichen Wirtschaftsfaktor geworden. Hinzu kommt der Sog, den die angloamerikanische Welt auf die intellektuellen Eliten anderer Staaten ausübt: In Nordamerika und Australien leben zwar kaum mehr als fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber sie beherbergen fünfundsiebzig Prozent der „expatriate brains“, der Hochschulabsolventen, die nicht im Land ihrer Geburt wohnen.

          Philippe Van Parijs, Philosoph und Ökonom, schildert ausführlich die Lasten und Kosten dieser „Ungerechtigkeit“, aber er zieht nicht den Schluss, die Ausbreitung des Englischen solle gebremst werden. Mit guten Gründen hält er ein solches Unterfangen angesichts der lawinenartigen Eigendynamik, die dieser Prozess längst angenommen hat, für ebenso sinnlos wie den Versuch, anstelle von Englisch Esperanto als universales Idiom zu installieren.

          Eine Welt, eine Sprache

          Getreu dem Motto, dass man sich mit dem, den man nicht besiegen kann, verbünden sollte, plädiert Van Parijs dafür, in ganz Europa die Ausbreitung des Englischen zu beschleunigen und zu vertiefen, um durch diese „Demokratisierung der Englischkompetenz“ die Kluft zwischen Mutter- und Fremdsprachlern schnell zu schließen. Die Chancen dafür sieht er als gut: Seine Hoffnungen ruhen - neben der Schule - vor allem auf den vielfältigen Sprachkontakten, die die Medien und das Internet ermöglichen.

          Um dieses Potential voll auszuschöpfen, wünscht er sich ein Verbot der Synchronisation englischsprachiger Filme - eine dirigistische Maßnahme, die durch die besseren Sprachfertigkeiten in Ländern, in denen Filme untertitelt laufen, gerechtfertigt sei. Viel Raum widmet Van Parijs der Frage, ob und wie die ökonomischen Benachteiligungen, die der Rest der Welt gegenüber den anglophonen Muttersprachlern zu tragen hat, ausgeglichen werden können.

          Weitere Themen

          „Azor“ Video-Seite öffnen

          Trailer (OmU) : „Azor“

          „Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

          Millionenbilder aus der Blockchain

          Hype um Kryptokunst : Millionenbilder aus der Blockchain

          Erstmals kommt ein rein digitales Werk bei Christie’s zur Auktion. Die „Everydays“-Collage von Beeple steht für den Boom in der Blockchain, der nun auch den traditionellen Betrieb elektrisiert.

          Topmeldungen

          Müller? Boateng? Hummels? Bundestrainer Joachim Löw schraubt derzeit an seinen Formulierungen zum Thema.

          Rückkehrer für DFB-Team : Die Verrenkungen des Joachim Löw

          Um die Form von Müller, Boateng und Hummels muss man sich keine Sorgen machen. Es ist der Bundestrainer, der in Form kommen muss, wenn es in diesem Sommer bei der Fußball-EM etwas werden soll.
          Bundesinnenminister Horst Seehofer und Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang

          Kritik an Verfassungsschutz : Geschwätzige Geheimnisträger

          Bei dem Versuch, die AfD zu beobachten, handelt sich der Verfassungsschutz Kritik ein. Schon wieder sind Details nach außen gedrungen. Dabei steht der Dienst eigentlich für Verschwiegenheit. Was ist da los?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.