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Philippe Descola: Jenseits von Natur und Kultur : Der Stil macht die Welt

Bild: Verlag

Natur ist nicht, was übrig bleibt, wenn man Kultur fortlässt: Philippe Descola hat ein großes Buch über eine alte Unterscheidung geschrieben.

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          Mit Tieren kann man keinen Vertrag schließen.“ So steht es bündig bei Thomas Hobbes. Tiere reden nicht, weshalb sie jenseits unseres Gemeinwesens stehen, das sich gerade durch Verträge, also prinzipiell sprachförmige gegenseitige Übereinkünfte von den bloßen Naturverhältnissen losmache. Tiere bleiben dieser Natur zugeschlagen; ihre Formen des Zusammenlebens sind von grundsätzlich anderer Art als unsere eigene kulturell vermittelte Sozialität.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der moderne Leser von Hobbes’ „Leviathan“ mag zwar daran denken, dass eine solche rigide Grenzziehung zwischen den Sphären von Natur und Kultur mittlerweile problematisch geworden ist. Doch das ändert nichts am zentralen Stellenwert, der diesem komplementären Begriffspaar nach wie vor zukommt. Und auch nicht an der Tatsache, dass selbst unsere nächsten biologischen Anverwandten, selbst wenn wir ihnen einige bescheidene kulturelle Züge zusprechen, auf der anderen Seite einer Grenze zu stehen kommen, an der unsere Formen der Sozialität enden.

          Die Menschen in Tierform

          Nichts scheint schließlich auch selbstverständlicher. Es mag ja jene Gesellschaften geben, von denen uns Ethnologen erzählen und in denen Tieren wie Pflanzen menschliche Eigenschaften zugesprochen werden: von Beseeltheit und Formen der Intentionalität bis hin zu einem verdeckten sozialen Leben unter ihresgleichen ganz nach unserer Art. Aber lässt sich darin anderes sehen als Projektionen, Zeugnisse eines eben noch nicht ausreichend gefestigten Bewusstseins von einer unabhängigen, gegen alle Beseelungen und Beschwörungen tauben Natur?

          Philippe Descola hat als Ethnologe eine solche Gesellschaft näher kennengelernt. Jene der Achuar im amazonischen Regenwald, denen er vor knapp zwanzig Jahren ein - auf Deutsch gerade wieder aufgelegtes - Buch über „Leben und Sterben in Amazonien“ widmete. Es ist eine Gesellschaft, welche die uns selbstverständliche Trennung von Natur und Kultur nicht vornimmt. Tiere etwa - aber auch Pflanzen - haben Eigenschaften, die wir für Personen reservieren; Beziehungen nach dem Muster von Verwandtschaftsrelationen werden zu ihnen geknüpft, nicht zuletzt zu jenen, die gejagt werden; sie selbst leben jenseits ihrer tierischen Erscheinung ein soziales Leben wie die Achuar. Letzteres ist gegen den Augenschein möglich, weil ein faszinierender Perspektivismus ins Spiel kommt. Der Jäger sieht seine Beute in tierischer Gestalt, diese aber sich selbst als Mensch - samt Übersetzung der natürlichen Attribute wie Fell und Federschmuck in kulturelle Accessoires - und dafür den Menschen in Tierform.

          Ein Ansatz jenseits der Dichotomie

          Alles fügt sich zu einem Bild, in dem die Sphäre der Menschen nicht abgedichtet ist gegen nichtmenschliche Akteure. Seine Umrisse glaubwürdig wiederzugeben ist die ethnographische Aufgabe. Aber Philippe Descola ist nicht nur Ethnograph, er ist Schüler von Claude Lévi-Strauss und dessen Programm einer Anthropologie verpflichtet, die auf dem Vergleich ethnographischer Befunde aufbaut, um den Spielraum des Menschlichen zu vermessen. Ein zutiefst philososophisches Projekt, das die verschiedenen Grundvarianten, in denen Gesellschaften sich organisieren und die Welt erschließen, letztlich in einem Tableau zusammenstellen möchte, bei dem man mit einfachen Transformationsregeln von einer Position zur nächsten gelangt.

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