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Das Jahr 1977 : Die tiefere Botschaft des Langstreckenlaufs

  • -Aktualisiert am

1977 eingeführt, 1993 eingestellt: der Apple II Bild: Picture-Alliance

Auf dem Weg zur Ich-AG: Philipp Sarasin untersucht in einem fulminanten Buch, welche Bedeutung das Jahr 1977 für unsere Gegenwart hat.

          5 Min.

          In der Zeitgeschichtsschreibung wird die politische Epochenschwelle der Jahre 1989/1990 seit einiger Zeit von jener der späten siebziger Jahre verdrängt. So unterschiedliche Autoren wie Lutz Raphael, Frank Bösch und Grégoire Chamayou haben zuletzt in vielbeachteten Arbeiten argumentiert, dass sich vor allem in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre jene sozialen, politischen, kulturellen und ökonomischen Umbrüche im Maschinenraum moderner Gesellschaften vollzogen haben, die zehn Jahre später als schnelle Bewegung in den alten Formen und Fassaden der Herrschaft und Herrschaftslegitimation sichtbar wurden.

          War es die ökonomische Transformation der alten Industriegesellschaften, der Aufstieg der Dienstleistungs- und Finanzmärkte und die beginnende Digitalisierung? Oder die Erschöpfung des utopischen Denkens der Revolutionen? Oder eine kulturelle Krise des Universellen in den sich formierenden „Singularitäten“, die Jean Baudrillard 1977 ausrief und deren Gesellschaft Andreas Reckwitz in jener Zeit beginnen lässt.

          Wie digitalisierte Quellen den Begriff der Geschichte verändern

          Der Schweizer Historiker Philipp Sarasin charakterisiert diese Epochenschwelle zur Gegenwart in seinem neuen Buch gerade damit, dass es all dies zugleich war, und zwar ohne dass sich das eine noch systematisch auf das andere beziehen oder aus dem anderen erklären ließe. Er bedient sich dafür der inzwischen populären Form des Jahresbuches und konzentriert seine ful­minante „Kurze Geschichte der Gegenwart“ auf 1977, das Jahr, in dem der Deutsche Herbst endete, in dem die Hegemonie des „Neoliberalismus“ und der Punk begannen, in dem die erste menschliche In-Vitro-Fertilisation erfolgreich durchgeführt wurde und in dem auch Donald Trump seinen ersten Auftritt als windiger Geschäftemacher bei einem dubiosen Immobiliendeal mit der New York State Urban Development Corporation hatte.

          Philipp Sarasin: „1977“. Eine kurze Geschichte der Gegenwart.
          Philipp Sarasin: „1977“. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Und nicht zuletzt schuf das Jahr 1977 mit dem ersten Personal Computer, dem Apple II, langfristig die Voraussetzungen für derartige Jahresbücher. Nur dank digitaler Kataloge, umfassender Zeitungsarchive und vor allem dank Wikipedia weiß man ja überhaupt, was in einem Jahr alles gleichzeitig erschien und passierte, wer siegte, floppte oder starb. So demonstriert das Genre nicht zuletzt, in welchem Maße digitalisierte Quellen den Begriff der Geschichte und die Form ihrer Erzählung verändern.

          Bewegte Bilder verschwammen mit den All­tagsgegenständen

          Sarasin weiß darum und bezieht seine Leser klug in das Spiel ein. So verzichtet er auf jegliche Abbildung. Sein Buch liest man darum mit dem größten Gewinn online: um die ­Bildwelten nachzuvollziehen, von denen es handelt, und sich durch den im Text mitgeführten Soundtrack zu hören, der einen langen Weg von The Doors bis zu Patti Smith, den ­Ra­mones, Talking Heads und The Clash erzählt.

          Sarasins hinreißend erzählte und zugleich intellektuell beeindruckende Geschichte des Jahres hat fünf Episoden ohne Rahmenhandlung, die darum nur wechselseitig aufeinander verweisen; keine erzählt ausschließlich den Beginn des Heute. Alles hatte in der klassischen Moderne ja immer schon begonnen, wie Sarasin in fünf geschickt komponierten Ne­krologen demonstriert. Da ist einmal das Ende der Revolution als Paradigma der Politik. Sarasin zitiert Baudrillards Ratlosigkeit über eine neue Form einer eigenartig ziellosen politischen Gewalt, von der wir am Ende „nicht mehr wissen, wie wir sie analysieren sollen“.

          Die definitive Psychoreligion der Siebziger

          Da ist zum anderen die politische Idee der Menschenrechte und die Politik der Differenz, die sich vor allem im Feminismus als radikale Politik an die freigewordene Stelle der Großideologien schob. Eine ­dritte Episode handelt von intro­vertierten Drogentrips und extro­vertiertem Sex, die inmitten der ­Politisierung der Psychologie von halbkriminellen sozialen Praktiken zu öffentlichen Ausdrucksformen wurden. Parallel dazu vollzog sich dank der schnellen Entwicklung der Chiptechnologie der epochale Schritt zur ­privaten Nutzung digitaler Medien. Die bewegten Bilder be­gannen allmählich mit den All­tagsgegenständen zu verschwimmen.

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